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  • Der letzte Weihnachtsmann
    Von Heidrun Gemähling 

    Dichte große Schneeflocken verzauberten das Leben in eine Märchenwelt. Die Kinder im Dorf nutz-ten die Gunst der Stunde und beschlossen, einen ganz großen Schneemann zu bauen, größer als all die Jahre zuvor.

    Freudig stapften sie an den Waldesrand vor die hohen Tannen. Man sah rotbäckige Kinder, wie sie fleißig Schnee zu Kugeln rollten. Diese stapelten die großen Helfer aufeinander und formten sie zu einer Riesenkugel. Zwischendurch ließ der dichte Schneefall etwas nach und das bisherige Werk konnte begutachtet werden. "Höher kommen wir jetzt nicht mehr, wir brauchen eine Leiter! Wer holt eine von zuhause?", rief Peter in die Runde. "Bin schon unterwegs", sagte Florian und spurtete davon. Sie nutzten die Wartezeit für weitere Überlegungen, denn ein richtiger Schneemann brauchte ja einen großen Schal, eine Mütze, eine Möhre für die Nase, zwei Eierkohlen für die Augen, gebogene Stöckchen für den Mund und einen Besen für den Arm. Fast jedes der Kinder lief nach Hause und brachte die notwendigen Utensilien mit zurück. Jetzt konnte auch der Bau weitergehen und kleinere Schneekugeln wurden herangeschafft und hinaufgereicht. Es dauerte nicht lange und der heißersehnte Schneemann war fertig. Lustig sah er aus und schien zu den Kindern hinunter zu lächeln.

    Die kleine Gundi rief ganz aufgeregt: "Seht nur, der Schneemann lacht mich an und wackelt mit der Nase!". "Ja, ja der blinzelt auch mit den Augen und streckt gleich noch die Zunge raus", fügte ihr größerer Bruder hinzu. Es dunkelte bereits, als sie sich wie pitschenasse Pudel auf den Heimweg machten. Peters Mutter öffnete die Tür und man hörte sie verzweifelt sagen: "Peter, wo kommst du schon wieder so naß her! Jetzt habe ich keine trockenen Hosen mehr für dich!" und zog ihn ins Zimmer. "Natürlich von draußen!", murmelte der Großvater verständnisvoll und zwinkerte Peter zu.

    Der Tag der Wintersonnenwende stand vor der Tür. Ein recht alter Weihnachtsmann aus dem Nachbarsdorf, dem das Laufen schon schwerfiel, hatte sich nach altem Brauch auf den Weg zu den Kindern gemacht, um sie zu beschenken. Es war sehr dunkel und nur der Mond brachte etwas Licht. Mißmutig brummelte er vor sich hin: "Mit dem Kinderkram wird mir das langsam zu viel! Keiner will mein Nachfolger werden. Weil sie alle keine Zeit haben, angeblich." Als er schließlich den Waldrand erreichte, entdeckte er von weitem schon den ungewöhnlich großen Schneemann. Stapfend kam er ihm immer näher und näher. Dann geschah es. Er stolperte über eine dicke Baumwurzel und landete lang vor dem Schneemann. Seine Rute und der schwere Sack flogen durch die Luft und blieben in einiger Entfernung liegen. Sein Bein schmerzte höllisch, vielleicht war es gebrochen. "Aua, aua, Hilfe, Hilfe!" hallte es durch die Nacht. Doch wer sollte ihn hier schon hören?

    Plötzlich vernahm er eine eigenartige Stimme: "Ich will dir gerne helfen. Rutsche dicht an mich ran und atme kräftig gegen meinen Bauch. Nimm deine Hände und höhle mich aus!" Erschrocken schaute sich der weihnachtlich angezogene alte Mann um, konnte aber keinen Menschen erblicken. Noch einmal hörte er die selben Worte und sah nach oben in das Gesicht des Schneemannes, der zu lächeln schien. So seltsam ihm die Situation auch vorkam, gehorchte er doch den Anweisungen des Schneemannes. Die Höhle im Bauch des Schneemannes wurde zusehends größer. Trotz der Schmerzen grub er sich immer weiter in das Innere, als er über sich wieder die eigenartige Stimme sagen hörte: "Mach so weiter, dann wirst du auch nicht erfrieren!". Verängstigt machte er weiter und schließlich gelang es ihm, sich hineinzuzwängen und schlief bald darauf vor Erschöpfung ein.

    Die rote Morgensonne weckte den Verletzten und dieser drehte sich mit all seinen noch vorhande-nen Kräften aus seiner mißlichen unbequemen Lage zur Öffnung hin. "Wo bin ich denn!" staunte er und rieb sich verwundert die Augen. "Hilfe, Hilfe!", stöhnte er und sein Rufen wurde immer lauter. "Du hast schon Hilfe bekommen!" sagte die Stimme von oben, "sonst wärst du erfroren!".

    Sein Herz fing laut an zu pochen und sein schlechtes Gewissen wurde im Gesicht sichtbar, denn ihm kamen all die Kinder in den Sinn, die auf ihn gewartet hatten. Während er die Nacht im Bauch des Schneemannes verbrachte, entstand im Ort große Unruhe. Man sah Menschen aufgeregt von einem Haus zum anderen huschen. Fenster und Häuser waren hell erleuchtet und festlich geschmückt, doch Freude kam nicht auf. Keiner wußte, warum der Weihnachtsmann nicht zu den Kindern kam. Schließlich standen Groß und Klein auf den Straßen und Peters Vater rief in die Menge: "Dem Weihnachtsmann wird doch nichts passiert sein?". Ein anderer sagte mit kräftiger Stimme: "Ich glaube schon, denn er ist schon alt. Ihr Kinder geht jetzt nach Hause und legt Euch schlafen und wir werden nach ihm suchen!".

    Der Morgen graute schon, als der Verletzte plötzlich in weiter Ferne Stimmen hörte, die seinen Namen riefen. "Hier bin ich! Hier oben am Waldrand!“, rief er so laut er konnte. Sofort eilten die Männer hinauf und entdeckten ihn liegend und schimpfend vor dem großen Schneemann und staunten nicht schlecht über das ausgehöhlte Schneewesen. Worte wie: "Hermann, was machst du denn für Sachen! Haben wir dir nicht oft genug gesagt, daß du nicht mehr alleine gehen sollst?", mußte er sich anhören und winkte ab. Zwei liefen bereits los um einen Arzt und eine Trage zu holen. "Nie wieder werde ich den Weihnachtsmann spielen. Das ist einfach nichts mehr für einen alten Mann!", erwiderte er und ließ sich gerne mit einem warmen Schluck Tee verwöhnen. "Der da, der Schneemann hat mich gerettet!", sprach er und zeigte nach oben. "Ein Schneemann kann doch nicht retten, wie soll das denn gehen?", sagte einer der Männer laut und fügte noch hinzu: "Ach Hermann, erzähl doch keine Märchen!". So gingen die Worte hin und her, doch keiner wollte dem Alten glauben.

    Inzwischen erfuhren auch die Kinder von dem verletzten Weihnachtsmann, den man vor ihrem Schneemann gefunden hatte und eilten hinauf zum Waldesrand. Als die kleine Gundi hörte, daß der Schneemann sprechen konnte, so wie es der Weihnachtsmann erzählte, rief sie ganz laut und selbstbewußt: "Und lächeln kann er auch. Das habe ich genau gesehen. Keiner will mir glauben!". "Ja, Kleine, ich glaube dir!", sagte der alte Mann ganz ruhig und wandte sich an die erstaunten Gesichter der Erwachsenen, während die Kinder in der Nähe herumtobten, und sprach dann weiter: „Das Leben als Weihnachtsmann macht keinen Spaß mehr. Die Zeiten sind so hektisch und ungemütlich geworden. Keiner hat mehr Zeit, wer will schon mein Nachfolger werden!" Er schaute nach unten und irgendwas schien ihn zu bedrücken. Die Männer bemerkten es und einer fragte besorgt: "Hermann, nun raus mit der Sprache, dir liegt doch was auf dem Herzen! Sag es uns doch einfach!" Nach einer Pause drängte es aus ihm heraus: "Wie wäre es mit einem neuen Fest zur Erinnerung an meine Rettung durch einen Schneemann? Jedes Jahr könnten die Kinder zu dieser Zeit viele ausgehöhlte Schneemänner bauen und sie mit Geschenken für die armen Kinder der Umgebung füllen. Ihr werdet sehen, die Freude wird groß!".

    Sprachlosigkeit stand in fast allen Gesichtern, doch Peters Vater entspannte die Situation und winkte die Kinder herbei und fragte: "Was haltet ihr von einem Schneemann-Fest?" "Hurra, ein Fest für den Schneemann!", jauchzten die Kinder aufgeregt und kullerten erneut übermütig im Schnee herum. "Ich muß aber noch dazu sagen, daß dann kein Weihnachtsmann mehr zu euch kommen wird, um euch zu beschenken, sondern ihr könnt dann viele viele Schneemänner mit Geschenke füllen. Es gibt weltweit eine Menge arme Kinder oder die keine Eltern mehr haben, und die würden sich von Herzen freuen, wenn andere Kinder an sie denken", redete er weiter und wartete gespannt auf die Reaktion.

    Die Kinder sahen sich an und waren sich ohne Worte einig. So verkündete der große Peter stolz: "Na klar, wir wollen lieber das Schneemann-Fest und anderen Kindern helfen. Wir kriegen doch das ganze Jahr über genügend Geschenke!". "Seht nur, wie der Schneemann mich wieder anlächelt!", rief die kleine Gundi. "Ja, ja, und gleich blinzelt er mit den Augen und wackelt mit der Nase!", fügte der große Bruder hinzu. "Vielleicht!", erwähnte Gundi leise und stellte sich dicht neben den Schneemann.

    Der letzte Weihnachtsmann war sehr sehr erleichtert. Er kam in ärztliche Obhut und konnte noch mitverfolgen, wie sein Schneemann-Fest sich über die ganze Welt verbreitete.

    Seither wurde am Ende des Jahres nur noch das Fest der "Schneemänner" gefeiert. Alle Kinder waren froh und glücklich und kannten den Weihnachtsmann bald nur noch aus den Märchen.
  • Nick möchte das Christkind sehen
    Auf seinem Schlitten stand der fünfjährige Nick, halbverdeckt hinter einer dicken Kastanie und starrte in dichtem Schneegestöber unverwandt auf die Wohnzimmerfenster seiner Eltern in dem zweistöckigen Haus gegenüber. Dort musste jetzt bald auf seinem breitkufigen, goldenen Schlitten das Christkind vorbeifahren. Die Mutter hatte nämlich gerade die Wohnzimmertür zugeschlossen, was als sicheres Zeichen dafür galt, dass nun all das Wunderbare hinter der weißgelackten Tür begänne und das Christkind jetzt mit dem Knecht Ruprecht und dem feierlich geschmückten Weihnachtsbaum, den Geschenken von der endlosen Wunschliste des kleinen Nick und dem großen, festlichen Leuchten das Zimmer erfüllen würde.

    In den vergangenen Jahren hatte Nick vergeblich versucht, etwas von diesem geheimnisvollen Geschehen durchs Schlüsselloch zu erspähen. Doch in diesem Jahr wollte er schlauer sein und nicht mit Herzklopfen vergeblich durch das Schlüsselloch starren. Diesmal wollte er von seinem Posten hinter der alten Kastanie das Christkind ankommen sehen und in seinem kleinen Gesichtchen zeichnete sich tatkräftig Entschlossenheit und erwartungsvolle Spannung ab. Doch soviel sich Nick auch reckte und streckte, die beiden Wohnzimmer blieben grau und dunkel und das Glöckchengeläut des himmlischen Schlittens war weit und breit nicht zu vernehmen. Stattdessen wurde das Schneegestöber dichter und dichter, die Häuser waren kaum noch zu sehen und Nick fiel es immer schwerer, die Wohnzimmerfenster scharf im Auge zu behalten. Die Kälte kroch an ihm hoch bis unter seine Pudelmütze und Erschöpftheit machte sich bereits bemerkbar. Das lange Sehen, das angestrengte Starren nagte an der heldenhaften Standhaftigkeit des neugierigen Kleinen. Wie lange nur mag das Christkind noch auf sich warten lassen? Würde es auch tatsächlich kommen? Hoffentlich vermissten ihn die Eltern nicht schon, sehen konnten sie ihn jedenfalls nicht hinter der mächtigen Kastanie. Doch da, war da nicht ein Geräusch? Irgend etwas klingelte, schepperte. Klang so etwa der goldene Himmelsschlitten des Christkinds?

    Nick sprang aufgeregt von seinem Schlitten, spähte suchend durch das Schneegestöber: eine dunkle Silhouette näherte sich humpelnd, ein Fahrrad vor sich hinschiebend. Der pensionierte Schuster Hinnings, der auf Grund seines Holzbeines im ganzen Viertel nur "Auf und Ab" hieß, was aber nicht bösartig gemeint war. Man mochte ihn gerne, den Alten, der mit Vorliebe kornblumenblaue Socken trug und ein unendlich gütiges Gesicht mit einer großen, breiten Nase und schlauen Augen hatte. Die vergrößerten sich vor Erstaunen, als sie des kleinen Nick ansichtig wurden, der da schneebedeckt und frierend in seinen braunen Pelzstiefelchen plötzlich vor ihm stand. "Was döst du denn hier herum, mein Kleiner? Du bist ja schon halb zugeschneit. Lauf nur schnell nach Hause, sonst wirst du noch krank und verpasst vielleicht das Christkind!" Nick blickte den freundlichen Schuster nur enttäuscht und stumm an und hoffte aus tiefstem Herzen, dass dieser Mensch gleich weitergehen würde.

    Hinnings tat ihm den Gefallen und ging seines Weges. Er wusste, dass der Junge in dem Backsteinbau gegenüber wohnte und er also nur ein paar Schritte bis nach Hause hatte. Schnell bestieg Nick wieder seinen Spähposten auf dem Schlitten. Um ihn herum wurde es immer dunkler, eine Dunkelheit, die durch den heftigen Schneefall noch vergrößert wurde. Die elterlichen Wohnzimmerfenster flossen allmählich in die Hauswand über und wurden ein Ganzes. Seine Mutter kam aus der Gartenpforte, rief nach ihm, kehrte dann ins Haus zurück und kam mit dem Vater wieder heraus. Jeder ging in eine andere Richtung, rufend und nach ihm suchend. Er wollte schreien. „Hier bin ich“, doch der Wunsch, das Geheimnis des Christkinds zu ergründen, ließ ihm das Wort in der Kehle stecken.

    Von der großen Domuhr schlug es fünf. Bescherungszeit! Und das Christkind war immer noch nicht erschienen. Nicks Finger wurden kalt und kälter und auch die dicken Pelzstiefelchen konnten seine Füße nicht mehr wärmen. Auch sein ausdauernder, eiserner Wille wurde von Feuchtigkeit, Kälte und Müdigkeit durchsetzt. So verließ der Junge, der das Christkind sehen wollte, seinen Spähposten, schob mit beiden Fäusten die Schneeberge vom Schlitten herunter und setzte sich darauf, die Arme um die angezogenen Knie gestützt. Ab und zu sackte sein Kopf mit der Pudelmütze auf die Knie, die Augen klappten zu, mit letzter Kraft versuchte der kleine Nick sich immer wieder hochzureißen, schließlich aber schlief er ein und begann zu träumen.

    Da hörte er plötzlich das Weihnachtsglockenspiel vom Dom. Klingeln, Geläut, ein Schimmel, ein weißer Schlitten hielt vor seinem Haus, ein liebliches Kind saß darin, Päckchen und Pakete lagen zu dessen Füßen. In Nicks träumenden Augen vergoldete sich alles zu einem überirdischen Leuchten, das Kind trug ein langes Kleid mit goldenen Sternen und langen blonden Haaren; die vielen Pakete glitzerten und schillerten, Knecht Ruprecht stieg von seinem Kutscherbock, ergriff ein paar der buntfunkelnden Pakete und verschwand im Nebenhaus, während das Kind selbst mit einigen Paketen durch die Gartenpforte in Nicks Elternhaus ging.

    Nicks Herz weitete sich in einem überströmenden Glücksgefühl, er merkte nicht, wie ihn sein Vater ergriff und auf den Arm ins Haus trug, die Mutter ihn in die heiße Badewanne und dann ins Bett steckte. Nick sah und hörte nichts, er träumte mit offenen Augen vom goldenen Himmelsschlitten und murmelte glücklich: "Nun habe ich doch noch das Christkind gesehen." 

    Autor nicht angegeben
  • Der verlorene Himmelsschlüssel
    Petrus war gerade aus seiner Himmelspforte herausgetreten und betrachtete mit zufriedenen Augen seinen frisch geputzten Himmelsschlüssel. Ein kleiner Engel hatte ihn eben abgeliefert und stand nun da und guckte, wie der Heilige Petrus versuchte, den Schlüssel für das himmlische Hauptportal in das große Schlüsselbund zu zwängen. So sehr er auch drückte und stemmte, es wollte ihm nicht gelingen und als ihm der kleine Engel dabei helfen wollte, sprang ihm plötzlich der Schlüssel aus der Hand und flog in hohem Bogen durch die Wolken hinab auf die Erde. Petrus erstarrte vor Schreck und auch der kleine Engel blickte fassungslos hinterher. Der Schlüssel war fort und ausgerechnet heute, wo das Christkind gegen Mitternacht von der Kinderbescherung auf der Erde zurückerwartet wurde. Wenn es dann vor dem verschlossenen Portal stand und die heilige Christmette versäumte? Was war jetzt zu tun?

    Mit seinem Fernrohr versuchte er den Platz zu finden, wo der Schlüssel auf die Erde niedergefallen war. Dann lief er nach der Himmelsleiter, lehnte sie an den Pfeiler des Himmelstores und stieg, so schnell es seine Kutte zuließ, hinab. Den kleinen Engel ließ er als Wache zurück. Endlich war er auf der Erde. Eine weite, schneebedeckte Ebene umgab ihn, Pappeln, ein großer Fluß, Weidengebüsch und ein großer, einsamer Bauernhof lag vor ihm in der leicht nebligen Luft. Aber von Bergen keine Spur! Dabei hatte er doch genau durch's Himmelsfernrohr erkennen können, dass der Schlüssel in ein tiefes Tal gefallen war. Verflixt, er musste in der Eile die Leiter vollkommen falsch aufgestellt haben.

    Recht niedergeschlagen machte er sich auf den Weg. Von weitem sah er Türme und immer mehr Häuser am Horizont auftauchen, die Straße wurde belebter und die Menschen zahlreicher. Er hatte eine kleine Stadt erreicht. Die Menschen eilten von Geschäft zu Geschäft, manche kauften im letzten Moment auch noch einen Weihnachtsbaum. Niemand achtete auf den Heiligen Petrus, der verständnislos und enttäuscht auf dieses Gedränge starrte. So begingen die Menschen den Weihnachtstag? In einer solchen Hetze? Doch Petrus musste weiter. Schließlich galt es, den großen Himmelsschlüssel wiederzufinden. Er verließ eilends die Stadt. Vor ihm lagen wieder unendlich weite, freie Felder, unterbrochen von ein paar großen Bäumen, Gebüsch und einsamen Höfen. Doch da - ganz hinten am Horizont - zeichnete sich dort nicht eine Gebirgskette ab oder waren es nur tiefliegende Wolken? Dass er auch seine Brille im Himmel vergessen hatte!

    Er schlug sofort diese Richtung ein. Seine Würde erlaubte ihm keine allzu große Hast, so kam er nur langsam auf der öden, schneebedeckten Landstraße vorwärts. Schon wurde es Abend und bis Mit-ternacht musste er wieder mit dem Schlüssel im Himmel sein. Beim Näherkommen stellte sich her-aus, dass er wirklich ein Gebirge erreicht hatte, was dem Heiligen Petrus einen Erleichterungsseufzer entlockte. Nun musste ihn ein guter Stern nur noch die richtige Stelle finden lassen. Bald gelangte er in ein Tal, aber so eng und schmal und klein, wie er es oben, vom Himmel her gesehen hatte, war das Tal nicht.

    Den armen Petrus überkam große Verzweiflung und Mutlosigkeit. Wenn er wenigstens sein Fernrohr bei sich gehabt hätte, aber so verbargen die dichten Wälder den leuchtenden Schein des Himmelsschlüssels und Petrus konnte zwischen den hohen, dunklen Tannen sich nicht einmal nach dem hellen Licht der Sterne richten. Da tönte Gesang an sein Ohr, "Es ist ein Ros' entsprungen". Von den feierlichen Klängen angezogen, gelangte der Heilige Petrus zu einer kleinen Kapelle, deren Fenster in goldenem Licht strahlten. Er trat ein, Wärme und Kerzenschimmer strömten ihm entgegen. Alt und jung, groß und klein, die ganze Berggemeinde hatte sich zur Andacht in der Kapelle zusammengefunden, vor jedem brannte eine Kerze.

    Diese innige, weihnachtliche Andacht, die ergreifende Einfachheit bewegte den Heiligen Petrus, der sein Bild von den Menschen nun wieder zurechtgerückt sah. Fast vergaß er, warum er eigentlich auf die Erde herabgestiegen war. Der Glockenschlag der kleinen Kapelle brachte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück, und schnell eilte er hinaus in die kalte Winternacht, um weiter nach dem Himmelsschlüssel zu suchen. Schwer atmend stapfte er einen steilen Waldweg hinauf, da - leuchtete da nicht etwas hinter dem Heuschober? Ja, doch, ein heller Schein - es war sein Schlüssel, der Himmelsschlüssel! Liebevoll drückte ihn Petrus an sich und versenkte ihn dann sorgfältig in seiner Kuttentasche und eilte aus dem Tal hinaus. Fast wäre er an einen Holzstamm gestoßen, der plötzlich in der Dunkelheit vor ihm auftauchte. Aber war das nicht die Himmelsleiter, wie kam die denn hierher? Er hatte doch nicht einmal wieder die kleine Stadt erreicht.

    Er stieg die lange Leiter hinauf und ganz oben vor dem großen, leuchtenden Himmelsportal fand er ein lachendes Christkind, das schon seit einiger Zeit von der Erde zurückgekehrt war. Durch den kleinen Wachengel hatte es das Missgeschick erfahren. Es hatte mit dem Fernrohr die Erde nach dem leuchtenden Himmelsschlüssel abgesucht und ihn auch bald entdeckt. Als das Christkind merkte, dass die Leiter ganz schräg stand und in großer Entfernung von dem Tal hinunterführte, rückte es mit Hilfe des kleinen Engels die Leiter zurecht. Die Himmelschöre stimmten gerade ihr jubelndes Halleluja an, als sich das Christkind, der Heilige Petrus und der kleine Engel auf ihre rotsamtenen Stühle setzten.

    Autor nicht angegeben  

  • Der kleine Engel Benedikt
    Von Gerlinde Bartels 

    Benedikt, der kleine Engel mit den roten Pausbäckchen, war überglücklich. Dieses Jahr war er doch tatsächlich von der Himmelskommission, aus der Schar der Engel, für eine heißbegehrte Aufgabe ausgewählt worden, nämlich am Heiligen Abend dem Weihnachtsmann beim Verteilen der Geschenke zu helfen. Wirklich überglücklich war er. Schon seit Wochen wurde in der Himmelswerkstatt über nichts anderes gesprochen als darüber, wer am 24. Dezember mit auf die Erde dürfte. Dem Weihnachtsmann zu helfen war etwas Tolles, etwas ganz Besonderes.

    Schon die Fahrt mit dem Schlitten und den Rentieren davor - allen voran Rudolph - war ein außergewöhnliches Erlebnis. Klar war leider auch, daß viele kleine Engel gebraucht wurden um die Himmelswerkstatt wieder aufzuräumen, das Chaos zu beseitigen, das durch die Arbeiten für Weihnachten in den Werkstätten und in der Bäckerei entstanden war. Es mußten ja auch die Wolkenbetten aufgeschüttelt und die Sterne blank geputzt werden und viele Arbeiten mehr standen an. All die nicht immer geliebten Arbeiten, die aber irgendwann gemacht werden mußten.

    Alle Kinder wissen, wovon hier die Rede ist. Und darum träumten alle Engel davon, einmal als Helfer des Weihnachtsmannes mit auf die Erde zu dürfen. Benedikt hatte es also geschafft, dieses Mal war er ausgesucht worden. Sein Glück war für ihn unfaßbar. Wo er doch dieses Jahr sehr oft bei der Weihnachtsbäckerei ermahnt worden war nicht so viel vom Teig und den Plätzchen zu naschen.

    Es war nicht so, daß der aufsichtsführende Engel es ihm nicht gönnte, jedoch waren die Wangen unseres kleinen Benedikts schon ganz schön gerundet und das Bäuchlein wurde auch ein wenig kugelig. Man kann sagen, Engel Benedikt war ganz groß darin, Sätze wie "Benedikt, gleich kriegst Du Bauchweh!" zu überhören. Und die Rangelei mit seinem Freund, dem Engel Elias, weil dieser ihn "Mopsi" genannt hatte, hatte er auch in die hinterste Schublade seines Denkens gepackt. All zu viele Ermahnungen bedeuten nichts Gutes, bedeuteten letzten Endes das Verbot einer Lieblingsbeschäftigung, meistens für eine ganz schön lange Zeit. Na, da hatte man wohl dieses Jahr ein Auge - wenn nicht sogar zwei - zugedrückt!

    Pünktlich am 24. Dezember stand der Schlitten mit den Rentieren, die mit den Hufen scharrten, vor dem Himmelstor. Viele Engel hatten sich versammelt, um ihnen nachzuwinken. Der Weihnachts-mann ließ die Peitsche knallen und mit lautem Schlittenglockengeläut ging es auf einem extrabreiten, glitzernden und glänzenden Mondstrahl hinunter auf die Erde. Rudolph versuchte sich in ein paar Extrasprüngen - er hatte wohl zu lange im Stall gestanden - was den Schlitten kurzfristig auf einen "Zick-Zack- Kurs" brachte. Engel Benedikt fand das toll. Es würde ein langer Abend werden mit vielen Arbeitsstunden und so hatte der Weihnachtsbäckerei-Engel Engel Benedikt die goldene Himmelsnaschdose voller köstlicher Leckereien, wie Marzipan- Kartoffeln, Schokoladenlebkuchen, Zimtsterne, Butterspekulatius zur Stärkung mitgegeben und beim Füllen hineingetan, was Engel Benedikt am liebsten mochte.

    Selig drückte er sie nun mit seinen dicken Patschhänden an sein Bäuchlein und kuschelte sich höchst zufrieden ein wenig an den Weihnachtsmann, um sich im nächsten Moment wieder kerzengerade aufzusetzen; schließlich war er als "Weihnachtsmann - Helfer - Engel" schon beinahe ein großer Engel! Auf der Erde sah es so schön aus. Es schneite sacht - die dafür zuständigen Engel hatten wohl doch noch ein paar Tonnen voller Schnee im äußersten Winkel des Himmelsgefrierraumes gefunden.

    Der Schnee knirschte leise beim Betreten der Wege. Sanft leuchtete das Licht aus den Häusern und ließ den Schnee auf Straßen, Häusern und Bäumen glitzern. Kirchenglocken läuteten und verbreite-ten eine festliche Stimmung. Sogar der Wind hatte sein ansonsten stürmisches Temperament gezügelt und war kaum spürbar. Engel Benedikt vermutete, er war auf dem Weg, sich zur Ruhe zu legen. 

    Schon viele Stunden waren der Weihnachtsmann und sein kleiner Helfer unterwegs. Die Freude der Kinder, ihre glänzenden Augen, die friedliche Stimmung von alten und jungen Menschen, der milde Glanz der Kerzen aus den Wohnstubenfenstern hatte ihnen immer wieder neue Kraft gegeben. Jetzt hatten sie nur noch ein einziges, nicht allzu großes Geschenk zu einer Wohnung im letzen Wohnblock einer Straße zu bringen. Schon ein bißchen ermüdet gingen der Weihnachtsmann und Engel Benedikt am Fenster dieser Wohnung vorbei. Das Fenster war einen Spalt zum Lüften geöffnet worden. Engel Benedikt sah in das Wohnzimmer. Der Weihnachtsmann und er sahen ein Ehepaar mit einem kleinem etwa 7 Jahre alten Jungen. Der Junge sah sehr dünn und blaß aus und beide Eltern stützten ihn liebevoll, als sie vom Eßtisch zum Sofa gingen.

    Gerade beugte sich die Mutter über ihn und sagte: "Was für ein Glück für uns, daß Du doch schon zu Weihnachten wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden konntest!" "Ja Mama" sagte der Junge, "das ist für mich das schönste Geschenk, mehr brauche ich eigentlich gar nicht." "Na, so ganz wird der Weihnachtsmann dich wohl nicht vergessen haben", sagte der Vater zu seinem Sohn.

    Der Weihnachtsmann ging zur Wohnungstür um das kleine bescheidene Paket hinzulegen. "Hier, leg die Keksdose dazu", flüstert der kleine Engel Benedikt und hob seine kleinen Arme mit den Köstlichkeiten in die Höhe um sie dem Weihnachtsmann zu geben. Es war sein voller Ernst und tat ihm eigentlich überhaupt nicht - na vielleicht ein winziges bißchen leid - was er aber ganz schnell unterdrückte. "Danke Bene, gut gemacht", flüsterte der Weihnachtsmann und strich Engel Benedikt sacht über den Kopf. Die Wangen des kleinen Engels glühten vor Stolz. "Bene" hatte der Weihnachtsmann zu ihm gesagt. "Bene" sagte sonst immer nur das Christkind, wenn es ihn für besonders liebevolles Verhalten lobte.

    Nachdem der Weihnachtsmann nun alle Geschenke verteilt hatte, begaben sich beide auf den Weg zum Rentierschlitten, um die Rückreise anzutreten. Sie kamen am Fenster vorbei und sahen, wie der Junge sich besonders über die Keksdose freute und rief: "Mama, Papa, guckt doch mal, wie sie glänzt und glitzert, und hmmm, hier probiert mal die Kekse, sie sind köstlicher, nein, einfach himmlisch!" Der Weihnachtsmann und der kleine Engel lächelten sich an: "Wie recht er hat" sagte der kleine Engel glücklich.

  • Das Paket des lieben Gottes
    Von Bertolt Brecht 

    Nehmt eure Stühle und eure Teegläser mit hier hinter an den Ofen und vergeßt den Rum nicht. Es ist gut, es warm zu haben, wenn man von der Kälte erzählt. Manche Leute, vor allem eine gewisse Sorte Männer, die etwas gegen Sentimentalität hat, haben eine starke Aversion gegen Weihnachten. Aber zumindest ein Weihnachten in meinem Leben ist bei mir wirklich in bester Erinnerung. Das war der Weihnachtsabend 1908 in Chicago. Ich war Anfang November nach Chicago gekommen, und man sagte mir sofort, als ich mich nach der allgemeinen Lage erkundigte, es würde der härteste Winter werden, den diese ohnehin genügend unangenehme Stadt zustande bringen könnte.

    Als ich fragte, wie es mit den Chancen für einen Kesselschmied stünde, sagte man mir, Kesselschmiede hätten keine Chance, und als ich eine halbwegs mögliche Schlafstelle suchte, war alles zu teuer für mich. Und das erfuhren in diesem Winter 1908 viele in Chicago, aus allen Berufen. Und der Wind wehte scheußlich vom Michigan-See herüber durch den ganzen Dezember, und gegen Ende des Monats schlossen auch noch eine Reihe großer Fleischpackereien ihren Betrieb und warfen eine ganze Flut von Arbeitslosen auf die kalten Straßen.

    Wir trabten die ganzen Tage durch sämtliche Stadtviertel und suchten verzweifelt nach etwas Arbeit und waren froh, wenn wir am Abend in einem winzigen, mit erschöpften Leuten angefüllten Lokal im Schlachthofviertel unterkommen konnten. Dort hatten wir es wenigstens warm und konnten ruhig sitzen. Und wir saßen, so lange es irgend ging, mit einem Glas Whisky, und wir sparten alles den Tag über auf dieses eine Glas Whisky, in das noch Wärme, Lärm und Kameraden mit einbegriffen waren, all das, was es an Hoffnung für uns noch gab. 

    Dort saßen wir auch am Weihnachtsabend dieses Jahres, und das Lokal war noch überfüllter als gewöhnlich und der Whisky noch wässeriger und das Publikum noch verzweifelter. Es ist einleuchtend, daß weder das Publikum noch der Wirt in Feststimmung geraten, wenn das ganze Problem der Gäste darin besteht, mit einem Glas eine ganze Nacht auszureichen, und das ganze Problem des Wirtes, diejenigen hinauszubringen, die leere Gläser vor sich stehen hatten.

    Aber gegen zehn Uhr kamen zwei, drei Burschen herein, die, der Teufel mochte wissen woher, ein paar Dollars in der Tasche hatten, und die luden, weil es doch eben Weihnachten war und Sentimentalität in der Luft lag, das ganze Publikum ein, ein paar Extragläser zu leeren. Fünf Minuten darauf war das ganze Lokal nicht wiederzuerkennen. Alle holten sich frischen Whisky (und paßten nun ungeheuer genau darauf auf, daß ganz korrekt eingeschenkt wurde), die Tische wurden zusammengerückt, und ein verfroren aussehendes Mädchen wurde gebeten, einen Cakewalk zu tanzen, wobei sämtliche Festteilnehmer mit den Händen den Takt klatschten. Aber was soll ich sagen, der Teufel mochte seine schwarze Hand im Spiel haben, es kam keine reche Stimmung auf.

    Ja, geradezu von Anfang an nahm die Veranstaltung einen direkt bösartigen Charakter an. Ich denke, es war der Zwang, sich beschenken lassen zu müssen, der alle so aufreizte. Die Spender dieser Weihnachtsstimmung wurden nicht mit freundlichen Augen betrachtet. Schon nach den ersten Gläsern des gestifteten Whiskys wurde der Plan gefaßt, eine regelrechte Weihnachtsbescherung, sozusagen ein Unternehmen größeren Stils, vorzunehmen. Da ein Überfluß an Geschenkartikeln nicht vorhanden war, wollte man sich weniger an direkt wertvolle und mehr an solche Geschenke halten, die für die zu Beschenkenden passend waren und vielleicht sogar einen tieferen Sinn ergaben.

    So schenkten wir dem Wirt einen Kübel mit schmutzigem Schneewasser von draußen, wo es davon gerade genug gab, damit er mit seinem alten Whisky noch ins neue Jahr hinein ausreichte. Dem Kellner schenkten wir eine alte, erbrochene Konservenbüchse, damit er wenigstens ein anständiges Servicestück hätte, und einem zum Lokal gehörigen Mädchen ein schartiges Taschenmesser, damit es wenigstens die Schicht Puder vom vergangenen Jahr abkratzen könnte. Alle diese Geschenke wurden von den Anwesenden, vielleicht nur die Beschenkten ausgenommen, mit herausforderndem Beifall bedacht. Und dann kam der Hauptspaß.

    Es war nämlich unter uns ein Mann, der mußte einen schwachen Punkt haben. Er saß jeden Abend da, und Leute, die sich auf dergleichen verstanden, glaubten mit Sicherheit behaupten zu können, daß er, so gleichgültig er sich auch geben mochte, eine gewisse, unüberwindliche Scheu vor allem, was mit der Polizei zusammenhing, haben mußte. Aber jeder Mensch konnte sehen, daß er in keiner guten Haut steckte. Für diesen Mann dachten wir uns etwas ganz Besonderes aus. Aus einem alten Adreßbuch rissen wir mit Erlaubnis des Wirtes drei Seiten aus, auf denen lauter Polizeiwachen standen, schlugen sie sorgfältig in eine Zeitung und überreichten das Paket unserm Mann.

    Es trat eine große Stille ein, als wir es überreichten. Der Mann nahm zögernd das Paket in die Hand und sah uns mit einem etwas kalkigen Lächeln von unten herauf an. Ich merkte, wie er mit den Fingern das Paket anfühlte, um schon vor dem Öffnen festzustellen, was darin sein könnte. Aber dann machte er es rasch auf. Und nun geschah etwas sehr Merkwürdiges. Der Man nestelte eben an der Schnur, mit der das "Geschenk" verschnürt war, als sein Blick, scheinbar abwesend, auf das Zeitungsblatt fiel, in das die interessanten Adreßbuchblätter geschlagen waren. Aber da war sein Blick schon nicht mehr abwesend.

    Sein ganzer dünner Körper (er war sehr lang) krümmte sich sozusagen um das Zeitungsblatt zusam-men, er bückte sein Gesicht tief darauf herunter und las. Niemals, weder vor- noch nachher, habe ich je einen Menschen so lesen sehen. Er verschlang das, was er las, einfach. Und dann schaute er auf. Und wieder hatte ich niemals, weder vor- noch nachher, einen Mann so strahlend schauen sehen wir diesen Mann. "Da lese ich eben in der Zeitung", sagte er mit einer verrosteten mühsam ruhigen Stimme, die in lächerlichem Gegensatz zu seinem strahlenden Gesicht stand, "daß die ganze Sache einfach schon lang aufgeklärt ist. Jedermann in Ohio weiß, daß ich mit der ganzen Sache nicht das Geringste zu tun hatte." Und dann lachte er.

    Und wir alle, die erstaunt dabei standen und etwas ganz anderes erwartet hatten und fast nur begriffen, daß der Mann unter irgendeiner Beschuldigung gestanden und inzwischen, wie er eben aus dem Zeitungsblatt erfahren hatte, rehabilitiert worden war, fingen plötzlich an, aus vollem Halse und fast aus dem Herzen mitzulachen, und dadurch kam ein großer Schwung in unsere Veranstaltung, die gewisse Bitterkeit war überhaupt vergessen, und es wurde ein ausgezeichnetes Weihnachten, das bis zum Morgen dauerte und alle befriedigte.

    Und bei dieser allgemeinen Befriedigung spielte es natürlich gar keine Rolle mehr, daß dieses Zei-tungsblatt nicht wir ausgesucht hatten, sondern Gott.
  • Was war das für ein Fest?
    Von Marie Luise Kaschnitz

    Der kleine Junge hockte auf dem Fußboden und kramte in einer alten Schachtel, aus der er einiges zutage förderte, ein paar Röllchen schmutzige Nähseide, ein verbogenes Wägelchen und einen silbernen Stern.

    Was ist das? fragte er und hielt den Stern hoch in die Luft.

    Die Küchenmaschinen surrten, der Fernsehapparat gab Männergeschrei und Schüsse von sich, vor dem großen Fenster bewegten sich die kleinen Stadthubschrauber vorsichtig auf und ab. Der Junge stand auf und ging unter die Neonröhre, um den Stern, der aus einer Art von Glaswolle bestand, genau zu betrachten.

    Was ist das? Fragte er noch einmal. Entschuldige, sagte die Mutter am Telefon, das Kind plagt mich, ich rufe dich später noch einmal an. Damit legte sie den Hörer hin, schaute herüber und sagte: Das ist ein Stern. Sterne sind rund, sagte der kleine Junge.

    Zeig mal, sagte die Mutter und nahm dem Jungen den Stern aus der Hand. Es ist ein Weihnachts-stern, sagte sie. Ein was? Fragte das Kind. Jetzt hab' ich es satt, schrie der Mann auf der Fernseh-scheibe und warf seinen Revolver in den Spiegel, was beträchtlichen Lärm verursachte. Die Mutter drückte auf eine Taste, der Lärm hörte auf, und das Bild erlosch.

    Etwas von früher, sagte sie in die Stille hinein. Von einem Fest. Was war das für ein Fest? Fragte der kleine Junge. Ein langweiliges, sagte die Mutter schnell. Die ganze Familie stand in der Wohnstube um einen Baum herum und sang Lieder, oder die Lieder kamen aus dem Fernsehen, und die ganze Familie hörte zu.

    Wieso um einen Baum? sagte der kleine Junge, der wächst doch nicht im Zimmer. Doch, sagte die Mutter, das tat er, an einem bestimmten Tag im Jahr. Es war eine Tanne, die man mit brennenden Lichtern oder mit kleinen bunten Glühbirnen besteckte und an deren Zweige man bunte Kugeln und glitzernde Ketten hängte.

    Das kann doch nicht wahr sein, sagte das Kind. Doch, sagte die Mutter, und an der Spitze des Baumes befestigte man den Stern. Er sollte an den Stern erinnern, dem die Hirten nachgingen, bis sie den kleinen Jesus in seiner Krippe fanden. Den kleinen Jesus, sagte das Kind aufgebracht, was soll denn das nun wieder sein?

    Das erzähle ich dir ein andermal, sagte die Mutter, die sich an die alte Geschichte erinnerte, aber nicht genau. Der Junge wollte aber von den Hirten und der Krippe gar nichts hören. Er interessierte sich nur für den Baum, der im Zimmer wuchs und den man verrückterweise mit brennenden Lichtern oder mit kleinen Glühbirnen besteckt hatte. Das muß doch ein schönes Fest gewesen sein, sagte er nach einer Weile.

    Nein, sagte die Mutter heftig. Es war langweilig. Alle hatten Angst davor und waren froh, wenn es vorüber war. Sie konnten den Tag nicht abwarten, an dem sie dem Weihnachtsbaum seinen Schmuck wieder abnehmen und ihn vor die Tür stellen konnten, dürr und nackt. Und damit streckte sie ihre Hand nach den Tasten des Fernsehapparates aus.

    Jetzt kommen die Marspiloten, sagte sie. Ich will aber die Marspiloten nicht sehen, sagte der Junge. Ich will einen Baum, und ich will wissen, was mit dem kleinen Sowieso war. Es war, sagte die Mutter ganz unwillkürlich, zur Zeit des Kaisers Augustus, als alle Welt geschätzt wurde.

    Aber dann erschrak sie und war wieder still. Sollte das alles noch einmal von vorne anfangen, zuerst die Hoffnung und die Liebe und dann die Gleichgültigkeit und die Angst? Zuerst die Freude und dann die Unfähigkeit, sich zu freuen, und das Sichloskaufen von der Schuld? Nein, dachte sie, ach nein.

    Und damit öffnete sie den Deckel des Müllschluckers und gab ihrem Sohn den Stern in die Hand. Sieh einmal, sagte sie, wie alt er schon ist, wie unansehnlich und vergilbt. Du darfst ihn hinunterwerfen und aufpassen, wie lange du ihn noch siehst. Das Kind gab sich dem neuen Spiel mit Eifer hin.

    Es warf den Stern in die Röhre und lachte, als er verschwand. Aber als es draußen an der Wohnungstür geklingelt hatte und die Mutter hinausgegangen war und wiederkam, stand das Kind wie vorher über den Müllschlucker gebeugt. Ich sehe ihn immer noch, flüsterte es, er glitzert, er ist immer noch da.
  • Am Weihnachtsmorgen 1772
    von Johann Wolfgang von Goethe an Johann Christian Kestner 

    Frankfurt, den 25. Dezember 1772

    Christtag früh. Es ist noch Nacht, lieb er Kestner, ich bin aufgestanden, um bei Lichte morgens wieder zu schreiben, das mir angenehme Erinnerungen voriger Zeiten zurückruft; ich habe mir Coffee machen lassen, den Festtag zu ehren, und will euch schreiben, bis es Tag ist.

    Der Türmer hat sein Lied schon geblasen, ich wachte darüber auf. Gelobet seist du, Jesus Christ! Ich hab diese Zeit des Jahrs gar lieb, die Lieder, die man singt, und die Kälte, die eingefallen ist, macht mich vollends vergnügt. ich habe gestern einen herrlichen Tag gehabt, ich fürchtete für den heutigen, aber der ist auch gut begonnen, und da ist mir's fürs Enden nicht angst.

    Der Türmer hat sich wieder zu mir gekehrt; der Nordwind bringt mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster. Gestern, lieber Kestner, war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande; unsre Lustbarkeit war sehr laut und Geschrei und Gelächter von Anfang zu ende. Das taugt sonst nichts für de kommende Stunde.

    Doch was können die heiligen Götter nicht wenden, wenn's ihnen beliebt; sie gaben mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getrunken, mein Aug war ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend, als wir zurückgingen; es ward Nacht. 

    Nun muß ich Dir sagen, das ist immer eine Sympathie für meine Seele, wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen heraus nach Nord und Süd um sich gegriffen hat, und nur noch ein dämmernder Kreis von Abend herausleuchtet.

    Seht, Kestner, wo das Land flach ist, ist's das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer stundenlang so ihr zugesehn hinabdämmern auf meinen Wanderungen. Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beiden Seiten, der stilleuchtende Horizont, der Widerschein im Fluß machte einen köstlichen Eindruck in meine Seele, den ich mit beiden Armen umfaßte.

    Ich lief zu den Gerocks, ließ mir Bleistift geben und Papier und zeichnete zu meiner großen Freude das ganze Bild so dämmernd warm, als es in meiner Seele stand. Sie hatten alle Freude mit mir dar-über, empfanden alles, was ich gemacht hatte, und da war ich's erst gewiß, ich bot ihnen an, drum zu würfeln, sie schlugen's aus und wollen, ich soll's Mercken schicken. Nun hängt's hier an meiner Wand und freut mich heute wie gestern.

    Wir hatten einen schönen Abend zusammen, wie Leute, denen das Glück ein großes Geschenk gemacht hat, und ich schlief ein, den Heiligen im Himmel dankend, daß sie uns Kinderfreude zum Christ bescheren wollen.

    Als ich über den Markt ging und die vielen Lichter und Spielsachen sah, dacht ich an euch und meine Bubens, wie ihr ihnen kommen würdet, diesen Augenblick ein himmlischer Bote mit dem blauen Evangelio, und wie aufgerollt sie das Buch erbauen werde.

    Hätt ich bei euch sein können, ich hätte wollen so ein Fest Wachsstöcke illuminieren, daß es in den kleinen Köpfen ein Widerschein der Herrlichkeit des Himmels geglänzt hätte. Die Torschließer kom-men vom Bürgermeister und rasseln mit den Schlüsseln.

    Das erste Grau des Tags kommt mir über des Nachbarn Haus, und die Glocken läuten eine christliche Gemeinde zusammen. Wohl, ich bin erbaut hier oben auf meiner Stube, die ich lang nicht so lieb hatte als jetzt.

  • Der glückliche kleine Vogel
    Der glückliche kleine Vogel Zizibä saß in einem kahlen Fliederbusch und fror. Zizibä war ein kleiner Vogel. Er hatte sein Federkleid dick aufgeplustert, weil's dann ein wenig wärmer war.

    Da saß er wie ein dicker runder Ball, und keiner ahnte, wie dünn sein Körper drunter aussah. Zizibä hatte die Augen zu. Er mochte schon gar nicht mehr hinsehen, wie die Schneeflocken endlos vom Himmel herunterfielen und alles zudeckten. Alle Futterplätze waren zugeschneit. Ach, und Hunger tat so weh. Zwei Freunde von Zizibä waren schon gestorben.

    Stellt euch mal vor, ihr müsstet in einem kahlen Strauch sitzen, ganz allein im Schnee, und hättet nichts zu essen. Kein Frühstück, kein Mittagessen - und abends müsstet ihr hungrig einschlafen, ganz allein draußen im leeren Fliederbusch, wo's dunkel ist und kalt. Das wäre doch schlimm. Zizibä musste das alles erleiden. Er saß da und rührte sich nicht. Nur manchmal schüttelte er den Schnee aus den Federn. Wieder ging ein hungriger Tag zu Ende.

    Zizibä wollte einschlafen. Er hörte plötzlich ein liebliches Geklingel. Dann wurde es hell und warm, und Zizibä dachte: Oh, das ist gewiß der Frühling. Aber es war der Weihnachtsengel. Er kam daher mit einem Schlitten voller Weihnachtspakete.

    Er sang vergnügt. "Morgen, Kinder, wird's was geben..." und leuchtete mit seinem Laternchen den Weg. Da entdeckte er auch unseren Zizibä. "Guten Abend", sagte der Engel, "warum bist du so traurig?" - "Ich hab' so Hunger", piepste Zizibä und machte vor Kummer wieder die Augen zu. - "Du armer Kleiner", sagte der Engel, "ich habe auch nichts zu essen dabei. Woher kriegen wir nur was für dich?" Aber das war's ja, was Zizibä auch nicht wusste. Doch dann hatte der Engel eine himmlische Idee. "Warte", sagte er, "ich werde dir helfen. Bis morgen ist alles gut. Schlaf nur ganz ruhig." 
    Aber Zizibä war schon eingeschlafen und merkte gar nicht, wie der Engel weiterzog und im nächsten Haus verschwand. Im nächsten Haus wohnte Franzel. Das war ein netter, kleiner Bub. Jetzt lag er im Bett und schlief und träumte von Weihnachten. Der Engel schwebte leise herzu, wie eben Engel schweben, und beugte sich über ihn. Leise, leise flüsterte er ihm etwas ins Ohr, und was Engel sprechen, das geht gleich ins Herz. Der Franzel verstand auch sofort, um was sich's handelt, obwohl er fest schlief.

    Als er am nächsten Morgen wach wurde, rieb er sich die Augen und guckte zum Fenster hinaus. "Ei, so viel Schnee", rief er, sprang aus dem Bett, riß das Fenster auf und fuhr mit beiden Händen in den Schnee. Dann machte er einen Schneeball und warf ihn aus Übermut hoch in die Luft. Plötzlich hielt er inne. Wie war das doch heute Nacht? Hatte er nicht irgend etwas versprochen? Richtig, da fiel's ihm ein. Er sollte dem Zizibä Futter besorgen.

    Der Franzel fegte den Schnee vom Fensterbrett und rannte zur Mutter in die Küche. "Guten Morgen, ich will den Zizibä füttern, ich brauch' Kuchen und Wurst!" rief er. - "Das ist aber nett, daß du daran denkst", sagte die Mutter, "aber Kuchen und Wurst taugen nicht als Futter. Der Kuchen weicht auf, und die Wurst ist viel zu salzig. Da wird der arme Zizibä statt an Hunger an Bauchschmerzen sterben."

    Die Mutter ging und holte eine Tüte Sonnenblumenkerne. "Die sind viel besser", sagte sie. Der Franzel streute die Kerne auf's Fensterbrett und rief: "Guten Appetit, Zizibä!" Dann musste er sausen, um noch rechtzeitig zur Schule zu kommen.

    Als die Schule aus war, kam er auf dem Nachhauseweg beim Samenhändler Korn vorbei. Der Franzel ging in den Laden und sagte: "Ich hätte gern Futter für die Vögel im Garten." Er legte sein ganzes Taschengeld auf den Tisch. Dafür bekam er eine große Tüte voll Samen und Meisenringe. Nun rannte er nach Hause zu seinem Fensterbrett. Aber - o weh - da war alles zugeschneit.

    Doch die Körner waren verschwunden. Die hatte Zizibä noch rechtzeitig entdeckt. Er hatte seine Vettern und Kusinen herbeigeholt, und sie hatten sich einen guten Tag gemacht, während der Franzel in der Schule war. Es darf nicht wieder alles zuschneien, dachte der Franzel, und als sein Vater am Nachmittag heimkam, machten sie sich gleich daran und zimmerten ein wunderschönes Futterhaus. Das hängten sie vor dem Fenster auf.

    Am nächsten Tag sprach sich´s bei der ganzen Vogelgesellschaft herum, daß es beim Franzel etwas Gutes zu essen gab. Das war eine große Freude, denn kein Vogel brauchte mehr vor Hunger zu sterben, und abends, wenn der Engel vorbeikam, sah er nur satte und zufriedene Vögel friedlich schlummern.

    Dafür legte er dem Franzel noch ein Extra-Geschenk unter den Weihnachtsbaum, und es wurde ein wunderschönes Fest. 

    Autor nicht angegeben

  • Der verschnupfte Christbaum
    von Barbara Pronnet

    Im Försterbetrieb ging es zu wie im Taubenschlag. Meine Freunde die Blautannen, Fichten und Föhren lagen oder lehnten aneinander in Reih und Glied und warteten verkauft zur werden. Es gab nichts Schlimmeres für einen Baum wurzellos in der Kälte zu sterben. Kein Baum will sterben. Ich übrigens auch nicht. Vor einem Jahr wurde ich in einen Topf gepflanzt und stehe seid dem auf der kleinen Terrasse des Verkaufsladens des Försters. Die gefällten Bäume vom letzten Jahr verschwanden damals spurlos und wir da gebliebenen ahnten nichts Gutes.

    Es wurde wieder kalt und wieder wurde gefällt. Es kamen Massen von Menschen und kauften die Nadelbäume, klemmten sie unter den Arm, warfen sie in den Kofferraum ihrer Autos und fuhren weg, auf Nimmerwiedersehen.
    Was geschah mit ihnen, dachte ich unruhig. Irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl. Neugierig beo-bachtete ich die Hektik und hoffte dass bald alles vorbei war. Mein Förster gab sich gut gelaunt, die Kasse klingelte und den ganzen Tag spielte nadelzerreißende Musik aus dem Radio. 

    Seid gestern fühlte ich mich überhaupt nicht wohl. Mir war kalt in meinem Topf und meine Nadeln fühlten sich taub an. Mich fröstelte und es war ungemütlich.
    Ein junger Mann kam abgehetzt zu dem Förster und fuchtelte mit seinen Armen rum während er redete und sein kalter Atmen stieß aus seinem Mund wie der Dampf einer alten Lok. Der Förster schüttelte den Kopf. Er suchte wohl noch einen schönen Baum, aber die besten waren bereits ver-kauft. Es lagen nur noch buschige oder krumme Kameraden rum und die wollte keiner.
    „Nehmens den“. Der Förster zeigte auf mich. Um Himmels Willen. Bitte nicht, ich wohne hier und will nicht sterben.
    Es half nichts. Ich wurde bezahlt, hochgehoben und in ein kleines Autos verfrachtet. Wir fuhren endlos durch holperige Strassen und ich wurde schlimm durchgerüttelt. 
    Krank wie ich mich fühlte wurde mir jetzt auch noch schlecht.

    Irgendwann hatte die Fahrt ein Ende und ich wurde aus dem Auto gehoben und ein enges Treppenhaus hoch getragen. Der Mann war völlig fertig als er mich endlich in eine Ecke eines kleinen Zimmers stellte.
    „Du bist ganz ok, wenigstens bist du nicht schief“ begutachtete er mich und drückte meine Zweige nach unten. Er holte einen kleinen Schemel und stellte mich darauf.
    „Sehr schön, geschmückt wirst du später, jetzt noch schnell einkaufen“ Weg war er.
    Die Aufregung saß mir noch in den Nadeln und es fröstelte mich wieder obwohl es warm war im Zimmer. Ich wurde leicht müde und döste ein.

    Helles Licht weckte mich und der junge Mann kam mit einer großen Holzkiste auf mich zu, hinter ihm eine junge Frau. Sie lachte und klatschte in die Hände.
    „Der ist wirklich hübsch, genauso einen Baum hätte ich auch gekauft“, strahlte sie und gab dem Mann einen Kuss auf die Wange.
    „Wenn er nicht eingeht können wir ihn nach den Feiertagen auf den Balkon stellen.“ Er öffnete die Kiste und nahm eine rot schimmernde Glaskugel raus und hängte sie mir an einen Zweig.

    Na so was, was macht der denn? Neugierig sah ich dem seltsamen Treiben zu.

    Beide behängten mich weiter mit Glaskugeln, kleinen Holzfiguren, einer goldenen Kette und zum Schluss bekam ich noch einen riesigen Stern auf mein Haupt gesteckt.

    Zufrieden schauten mich die beiden an.
    „Das ist der schönste Baum den wir je hatten“ freute sich die Frau.
    Vorlauter Lob und die Aufregung bekam ich ein gewaltiges Jucken in den Nadeln und nieste was das Zeug hält.
    „Oh Gott was war das denn“ rief sie und packte den Mann ängstlich am Arm, „hoffentlich ist kein Tier im Topf, womöglich einen Maus.“

    Nana Gnädigste, das würde ich aber merken. Ich habe leider einen Schnupfen, erklärte ich aber sie hörten mich natürlich nicht.
    Der Mann begann an mir zu zerren und zu ziehen.
    „Da ist nichts, schau er ist ganz sauber und nirgendwo krabbelt es.
    Vorsichtig beäugte mich die Frau. Jetzt bloß keinen weiteren Niesanfall sonst schmeißen die mich noch raus.
    „Die Kerzen machen wir abends drauf, jetzt gehen wir kochen. Sie räumten die leer geräumte Holz-kiste weg und verließen den Raum.

    Kaum war die Türe zu kam von allen meinen Seiten ein lautes „Hallo“ „Das du noch dabei bist“ „Lan-ge nicht gesehen“ „Alle Jahre wieder altes Haus“.
    „Das war eine Vorstellung vom Feinsten“ wieherte ein kleines Holzschaukelpferd an meinem rechten unteren Zweig. „So einen Ausritt hatte ich schon lange nicht mehr“.
    „Wenn sie am Abend die Kerzen anzünden musst du aber aufpassen sonst gibt es einen Zimmer-brand“ meinte ein besorgter Strohstern zu meiner linken.
    „Ich bin erkältet, hoffentlich habe ich euch nicht erschreckt.“ Überall blinkte und glitzerte es um mich rum.
    „Nicht so schlimm“. Eine rote Glaskugel funkelte mich freundlich an. „Morgen geht’s dir sicher schon besser. Du stehst in einem Topf, vielleicht sehen wir uns nächstes Jahr wieder? Es sei denn sie kaufen sich einen neuen Christbaumschmuck“.
    „Viel hat sich nicht verändert seid dem letzten Jahr, alles steht noch an seinem alten Platz“ informierte der prächtige Weihnachtsstern auf meinem Haupt.
    „Was ist denn das Weihnachten überhaupt, wie läuft das hier ab?“ fragte ich in die strahlende Men-ge.
    „Wenn es dunkel wird, zünden sie die Kerzen an und singen Weihnachtslieder, sie beschenken und umarmen sich. Wir werden bewundert und nach zwei Wochen wandern wir wieder in die Holzkiste zurück und der Baum verschwindet“ erklärte die goldene Kette die sich anmutig um mich schlängel-te.
    „Keine Sorge“ beruhigte mich eine andere Glaskugel, „ du hast noch deine Wurzeln und wirst es überleben „ dein Vorgänger wurde glaube ich aus dem Fenster geworfen.“
    Mir wurde kalt aber nicht von der Erkältung. Es klang alles gar nicht verlockend und ich dachte an meine Kameraden aus der Försterei die jetzt auch geschmückt und wunderschön aber wurzellos auf ihr trauriges Ende warteten.
    „Es ist ein großes Privileg ein Christbaum zu sein. Eigentlich das schönste was einem Nadelbaum passieren kann. Schließlich werdet ihr nur für dieses Fest gezüchtet. Du solltest stolz sein, du bist ein Auserwählter“ belehrte mich der Weihnachtsstern.
    „Er muss es wissen, er hat schon viele Weihnachten erleben dürfen, Dienstältester sozusagen“ zwinkerte mir das freche Schaukelpferd zu und wippte fröhlich auf und ab.

    Ein Auserwählter, dass klang alles so erhaben und vielleicht sollte ich den Zustand einfach genießen und mich daran erfreuen, dachte ich.

    „Die Frau wird bald reinkommen und sich was wünschen. Sie macht das schon drei Weihnachten lang“ sagte der Strohstern „Irgendwie wirkt sie immer trauriger“.
    Die anderen nickten zustimmend.

    Genau in diesem Moment ging die Türe auf und die Frau kam in den Raum. Sie schloss leise die Türe und kam auf mich zu.
    „Ich wünsche mir von ganzen Herzen, dass ich einen Heiratsantrag bekomme, das wäre immer noch mein größtes Geschenk.“ sagte sie leise.
    In dem Moment überfiel mich ein heftiger Juckreiz und es schüttelte mich dass die Glaskugeln nur so bimmelten.
    Erschrocken wich die Frau zurück.
    Bitte verzeih mir, jammerte ich im Stillen, ich bin doch nur erkältet.

    Die Frau faltete die Hände und sah auf die Zimmerdecke. „Lieber Gott, lass es ein Zeichen sein“ und verließ eilig das Zimmer.
    „Super gemacht, du grüner Tollpatsch“ schimpfte ein dicker Holznikolaus, „jetzt ist sie sicher mit den Nerven fertig und ihr Wunsch wird auch wieder nicht in Erfüllung gehen, was immer sie auch will“ murmelte er in seinen angemalten Bart.
    „Es tut mir so leid, ich konnte es nicht zurück halten. Seid ihr noch alle heil?“ erkundigte ich mich besorgt.
    „Juppih, dass kam schon einem Galopp gleich“ schrie das Schaukelpferd begeistert.
    „Ruhe jetzt, es geht los“ mahnte der Weihnachtsstern.

    Der Mann und die Frau hatten sich auch heraus geputzt und begannen die Kerzen an mir anzubrin-gen und anzuzünden. Sie sangen „Oh Tannenbaum“. In diesem Lied ging es um mich.

    Danke, das war wirklich nicht nötig, freute ich mich gerührt und nahm mir fest vor nicht mehr zu niesen. Überall flackerte helles Kerzenlicht um mich rum und mir wurde richtig warm um die Nadeln vor lauter Freude.

    „Setz dich und mach dein Geschenk auf“. Der Mann überreichte der Frau ein kleines Päckchen. Sie errötete und öffnete ein kleines samtenes Kästchen.
    „Oh ein Ring, wie wunderschön“.
    „Willst du mich heiraten?“ fragte der Mann und nahm die Hand der Frau.
    „Ja ich will dich heiraten, mehr als alles andere auf der Welt“ sagte die Frau überglücklich 
    und lagen sich in den Armen und ließen sich nicht mehr los.

    In diesem Moment schüttelte mich noch einmal ein kleines „Hatschi“ und alle wurden wieder leicht durchgerüttelt.

    Der Mann und die Frau sahen mich an und lachten lautstark los.
    „Was immer das bedeuten mag, für mich ist er ein Glücksbaum“ strahlte die Frau mit Tränen in den Augen.
    „Wir lassen in besser nicht aus den Augen, sonst fackelt er uns noch die Bude ab“ grinste der Mann und nahm seine Liebste wieder in den Arm.

    Den restlichen Abend wurde gesungen, weitere Geschenke ausgepackt und als die beiden Verliebten die letzte Kerze ausbliesen war es schon sehr spät.
    „Ich komme gleich nach “ sagte die Frau zärtlich und der Mann verließ das Zimmer.

    Die Frau setzte sich vor mich hin und lächelte.
    „Ein wenig unheimlich bist du mir schon aber ich glaube du hast geholfen, dass es für mich das schönste Weihnachten geworden ist. Ich danke dir.“

    Leise ging sie aus dem Raum.

    „Ich glaube dass war dein Verdienst, ihr Wunsch ist in Erfüllung gegangen“ meinte der Strohstern, froh dass er nicht abgebrannt war. „So ein Schnupfen hat auch Vorteile“.

    „Habe ich dir nicht gesagt, dass es etwas ganz besonderes ist ein Christbaum zu sein?“ fragte mich der Weihnachtsstern.

    Ich nickte stolz. So war es und ich atmete tief und erleichtert durch.

  • Eitelkeit und Festlichkeit
    von Barbara Pronnet

    Auf einem Gutshof lebten Menschen und Tiere friedlich zusammen. Es gab dort einen Hund und Katzen, Pferde und einen Pfau mit seinem Harem.
    Der Pfauenmann war herrlich anzusehen. Seine Schleppe schillerte in der Sonne und wenn er ein Rad schlug blieben alle staunend stehen und bewunderten ihn. Er war eitel, stolz und duldete keine Konkurrenz. Nebenbuhler waren unerwünscht. 
    Zur Adventszeit stellten die Gutshofbesitzer einen Tannenbaum in den Hof. Der Baum war groß, dunkelgrün und ebenmäßig gewachsen. Der Pfau beobachtete das Schauspiel ohne großes Interesse, er stellte lieber einer seiner Damen nach.
    Eines Nachts hatte es geschneit und früh morgens war alles weiß, wie mit Puderzucker bestäubt. Der Gutsherr und seine Kinder kamen mit einer großen Kiste in den Hof und begannen die Tanne zu schmücken. Nach einiger Zeit wurde aus dem schlichten Baum ein wunderschön geschmückter Christbaum, mit goldenen Kugeln, Strohsternen und einer Lichterkette. Spätestens jetzt hatte auch der Pfau Interesse gezeigt. Als die Menschen wieder im Haus verschwunden waren, stolzierte er auf die prächtige Tanne zu. 
    Wie war das möglich? Wo kam plötzlich dieser Angeber her? Stand hier mitten im Hof und glitzerte und funkelte das einem fast schwindelig wurde. Der Pfau blies sich empört auf und stellte seine Federkrone auf. Los du Wichtigtuer, zeig mal was du kannst. Er pickte auf eine der Kugeln und als er darin sein Spiegelbild sah, bekam er einen riesen Schreck. Sofort ging er auf Angriff und stellte sein Rad auf. Wie ein riesiger Fächer wedelte er auf und ab und versuchte dem vermeintlichen Gegner damit Angst einzujagen.
    Die Tanne rührte sich nicht vom Fleck. Milde Sonnenstrahlen ließen ihre Kugeln schimmern und die Strohsterne bewegten sich leicht im Wind. Der Pfau spürte dass sich sein Gegner nicht provozieren ließ und nach einiger Zeit beruhigte er sich und schritt hochmütig von dannen.
    Als die Dämmerung einsetzte und die Kerzen auf unserem Christbaum zu leuchten begann, bekam unser Pfauenmann erneut einen Stich in sein stolzes Herz. Der Baum strahlte und glänzte in der Winternacht wie in einem Märchen. 
    So nicht Kamerad, du willst Ärger, den kannst du haben. Erneut attackierte er den vermeidlichen Nebenbuhler mit Kampfgebärden, Radschlagen und als Zugabe ließ er einen schrillen Schrei los. Aber wieder bekam er keine Beachtung oder einen Gegenangriff. Die Tanne stand still in ihrem Festkleid und ihr sanftes Licht umhüllte sie wie mit einem Heiligenschein.
    Unser eitler Protz verlor nach einigen Minuten seine Energie und er gab auf. Die bescheidene Schlichtheit ließ ihn verstummen. Er drehte sich pikiert um und stolzierte zurück in seinen Bau.
    Der Christbaum wartete auf seinen großen Tag mit bescheidener Festlichkeit und seine Ausstrahlung brachte Besinnung und Freude zur Heiligen Nacht.

  • Der Trompetenspieler
    von Gernot Jennerwein

    Es geschah vor nicht langer Zeit in einer bitterkalten Winternacht am Weihnachtstag. Im Kamin war das Feuer bis auf die Glut niedergebrannt und die Menschen lagen zu später Stunde ermüdet, aber zufrieden und mit Wohlbehagen, in ihren Federbetten. Der Mond warf sein magisches Licht durch die breite Fensterfront des Herrenhauses und erhellte den prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum. An einem der unteren, vorspringenden Äste des Tannenbaums hing, barfuß und mit einem Juteumhang bekleidet, ein hölzerner Trompetenspieler. Der Musikant presste die Trompete fest an seinen Mund, während er ehrfürchtig hinauf zu dem silbernen Weihnachtsstern in der Baumkrone sah. Unter dem Stern von Bethlehem schwebte ein wunderschönes Papiermädchen mit Engelsflügeln an einer hauchdünnen Schnur.
    Der Trompetenspieler glaubte in dieser Nacht, der Günstling des Glücks zu sein, denn noch nie hatte er ein so liebreizendes Wesen gesehen. Als es seinen starrenden Blick bemerkte, wurde er ein bisschen verlegen und seine Wangen röteten sich. Da lächelte das Mädchen und ihm wurde seltsam warm ums Herz. Überwältigt von so viel Anmut schloss er für einen Moment die Augen. Es war das Mädchen, nach dem er sich oftmals in seinen einsamen Träumen gesehnt hatte, so zart und vollendet, und sein Trompeterherz schlug ein kleines Trommelfinale. Doch das Mädchen wandte seinen Blick bald wieder ab und sah verträumt zum Mond, der durch das große Fenster schien. So nahm er all seinen Mut zusammen und blies in die Trompete. Erst waren es nur einzelne, zaghafte Töne, aber nach einem Weilchen spielte er die schönsten Melodien, die er kannte. Berührt von der Wehmut seiner Klänge drehte sich das wundervolle Wesen im Kreis, als tanzte es zu seiner Musik. Der Trompetenspieler war entzückt, und er spielte so hingebungsvoll wie nie zuvor in seinem Leben. So blies er bis in die frühen Morgenstunden unermüdlich in sein Horn. Jeder flüchtige Blick, jedes kleine, auffordernde Lächeln, das ihm das Mädchen schenkte, ließ ihn vor Glück fast bersten.
    Und so vergingen die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr. In den Nächten erklang im großen Saal die melancholische Musik des Trompetenspielers. Der hölzerne Musikant sehnte bereits die Zeit in der Weihnachtsschmuckschachtel herbei, welche er bis zum nächsten Heiligen Abend mit dem Papiermädchen verbringen würde. Er nahm sich fest vor, das Mädchen in der Schachtel anzusprechen und vielleicht gestattete es ihm sogar, es an den Händen zu halten.
    Im neuen Jahr kam eines Morgens die Dienerschaft und räumte den Weihnachtsbaum ab. Der Weihnachtsschmuck wurde in Kisten gepackt und bei den Fenstern abgestellt. Als der Trompetenspieler über den Kistenrand blickte, stellte er mit Entsetzen fest, dass das Papiermädchen am Baum vergessen wurde. Er schrie aus Leibeskräften, damit die Menschen ihr Versäumnis bemerkten, aber umsonst. So blies er wild und verzweifelt auf seiner Trompete Alarm. Aber die Menschen konnten seine Hilferufe und Fanfaren nicht hören, alle Mühe war vergebens. Er beobachtete durch die Fenster, wie der Tannenbaum mit dem Mädchen in den Garten gebracht wurde. Bald begann ein heftiges Schneetreiben und er musste hilflos mit ansehen, wie das Mädchen unter den weißen Flocken verschwand.
    Da wurde seine Schachtel verschlossen. Nun lag er in völliger Dunkelheit. Als er spürte, wie jemand die Stiege zum Dachboden hinauf schlurfte, erfasste ihn ein ohnmächtiger Schmerz.
    Finster und einsam war das folgende Jahr für den Trompetenspieler. In der Schachtel klagte er der Dunkelheit sein Leid. Tag und Nacht träumte er von seinem Papiermädchen, und manchmal überfiel ihn eine schlimme Angst, wenn er daran dachte, dass er es vielleicht nie mehr wiedersehen würde. Flehentlich wünschte er das nächste Weihnachtsfest herbei, das ihn aus der Gefangenschaft befreien würde.
    Das Jahr verging und endlich brach der Weihnachtsmorgen an. Freudig schwatzend schmückte die Dienerschaft den Tannenbaum, und auch der Trompetenspieler hing bald an seinem Platz. Vergeblich suchte er nach dem Mädchen seines Herzens. Traurig blickte er hinaus in den Garten. Dort lag kein Schnee mehr und der Baum aus dem letzten Jahr war verschwunden. Die Erinnerung an das vergangene Weihnachtsfest wurde in ihm lebendig. Was war mit seinem Mädchen geschehen? Stumm blickte er in die Welt vor dem Weihnachtsbaum. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, was es bedeutet, hoffnungslos alleine zu sein.
    Als er später in der Nacht den Mond aufgehen sah und ihn lange Zeit verloren betrachtete, da war ihm auf einmal, als lächle das Papiermädchen im Mondschein zu ihm herunter. Nie zuvor hatte er sich dem Mädchen so nahe gefühlt, und mit Tränen in den Augen begann er leise auf seiner Trompete zu spielen.

  • Der kleine Stern
    von Conny Cremer

    Dem kleinen Stern war langweilig.
    Erst drehte er sich um seine eigene Achse und dann machte er einen Purzelbaum. 
    So hatte er einen anderen Blick und schaute jetzt in Richtung Erde.
    Zu seinen Nachbarsternen war es so weit, dass sie sich nur per Blinkzeichen mit einander verständigten, aber das war auf Dauer auch langweilig.
    So schaute der kleine Stern traurig zur Erde und fand, es sei doch ganz egal, ob er am Himmel stände oder nicht. Bei der Menge an Sternen würde sein Fehlen bestimmt nicht auffallen. Warum war er denn überhaupt da, wenn es keinem auffiele, wenn er weg wäre?
    Die Erde war anders, als die anderen Sterne. Sie war ein Planet und auf ihr soll es sogar Lebewesen geben. Das hatte er zumindest gehört. Es wäre doch bestimmt toll, wenn er sich das selbst ansehen könnte, würde ja nicht auffallen, wenn er vom Himmel verschwände.
    Aber wie sollte er zur Erde gelangen?
    Der kleine Stern überlegte und überlegte. Dann blinkte er nach rechts, links, oben und unten seine Kollegen an und bat um Hilfe für sein Problem.
    Alle anderen Sterne antworteten blinkend und rieten dem kleinen Stern ganz stark davon ab zu versuchen zur Erde zu kommen. Sie behaupteten, dass er dann verglühen und sterben würde. Und überhaupt würde er dann nicht mehr zurück können, da waren sich alle einig. Aber wie er überhaupt vom Himmel fallen sollte, dazu hatte keiner eine Idee.
    So probierte der kleine Stern einfach aus, was er sich selbst überlegt hatte, denn wenn keiner wusste, wie ein Stern vom Himmel fiel, dann wusste auch keiner, ob er wirklich verglühen und sterben würde.
    Also begann der kleine Stern immer schneller sich zu drehen und Purzelbäume zu schlagen. Und als ihm beinah schwindelig war, bemerkte er, dass er an seinem Platz zu wackeln begann. Aus dem Wackeln wurde ein Schwingen und auf einmal verlor er den Halt und stürzte purzelnd und drehend in Richtung Erde.
     
    Im selben Moment, als der kleine Stern begann vom Himmel zu fallen, schaute ein kleines Mädchen in den Sternenhimmel und begann entsetzt aufzuschreien. Sie liefe schnell aus ihrem Zimmer zu den Eltern, die in der Küche mit dem Abwasch beschäftigt waren.
     
    „Papa, Mama, schnell. Da ist gerade ein Stern vom Himmel gefallen. Den müssen wir suchen, denn der muss doch wieder nach oben.“
    Der Vater sah gutmütig zu seiner Tochter und meinte: „Liebes, das war nur eine Sternschnuppe, die über den Himmel gezogen ist. Da hättest du dir was wünschen können.“
    „Nein, nein, “ rief das Kind. „Es war keine Sternschnuppe. Es war ein Stern und der fehlt jetzt am Himmel.“ Sie lief zum Fenster und zeigt hinauf in den Himmel. „Schau Papa, da oben war der Stern und jetzt ist sein Platz leer. Bitte, wir müssen ihn suchen gehen.“
    Der Vater trat ans Fenster und irgendwie schien die Stelle, auf die seine Tochter deutete, tatsächlich seltsam leer zu wirken. Obwohl er nicht glaubte, das ein Stern vom Himmel gefallen war, wollte er seiner Tochter den Gefallen tun und mit ihr einen kurzen Spaziergang machen.
    So zogen sich Vater und Tochter dicke Stiefel, Jacke, Mütze und Handschuhe an, denn es war am Abend kalt geworden. Und als sie an der Türe raus gingen nahm der Vater noch seine Taschenlampe und steckte sie ein.
     
    Kaum auf der Straße rief die Kleine aufgeregt: „Schau da Papa, da leuchtet es im Wald. Da ist der Stern bestimmt hingefallen.“ Und tatsächlich sah man einen Feuerschein aus dem nahe gelegenen Wald leuchten. Also machten sich Vater und Tochter schnellen Schrittes Richtung Licht. Als sie am Waldrand ankamen schaltete der Vater seine Taschenlampe ein und beleuchtete den Weg, den die Beiden Richtung Lichtschein nahmen.
     
    Es viel auf, das der Schein, wie bei einem Feuer, zuckte und flackerte.
     
    Schnelle waren die Beiden durch Gestrüpp und Unterholz gedrungen und standen plötzlich an einer kleinen Mulde, die wundersames auftat.
     
    Sie sahen, wie ein kleines Häschen vorsichtig mit der Nase an das Licht stupste, was zuckend auf dem Boden lag und sich merkwürdig bewegte. Sie traten vorsichtig näher und da sahen sie ihn, den kleinen Stern, der verzweifelt versuchte sich auf eine oder zwei seiner Spitzen aufzurichten. Und dabei schien ihm das Häschen helfen zu wollen, zuckte aber immer schnell zurück sobald es den Stern berührte. Als das Häschen die beiden Menschen bemerkte, zog es sich schnell ein wenig ins Unterholz zurück, blieb aber dort sitzen.
     
    „Papa, wir müssen dem Stern helfen. Er kann alleine nicht mehr zurück und hier kann er doch nicht bleiben.“ Die Worte seiner Tochter brachten den völlig verwirrten Vater in die Wirklichkeit zurück, denn was er da sah, das konnte er nicht glauben. Da lag wirklich ein kleiner Stern, versuchte wieder auf zu kommen und ein Hase hatte helfen wollen.
     
    „Was soll ich denn machen?“ fragte der Vater laut, denn er hatte selbst keine Ahnung. Er schaute zum Himmel und jetzt sah er es genau. Da war ein Platz am Himmel, der war leer und die anderen Sterne standen viel weiter auseinander, als man es sonst so kannte. Ja, hier lag der gefallene Stern, der doch eigentlich an den Himmel gehörte. Dort leuchtete er und machte die Nacht heller. Dorthin sahen die Menschen und entließen ihre Träume in den Himmel.
     
    „Du musst ihn wieder nach oben werfen“, hörte er die Antwort seiner Tochter.
    „Aber so hoch kann ich doch gar nicht werfen“, erwiderte der Vater. „Aber versuchen musst du es. Schau, der Stern wird schon immer schwächer. Er bewegt sich weniger und sein Licht scheint nicht mehr so hell.“
     
    Seine Tochter hatte recht. Es war merklich dunkler geworden und um den Stern schmolz der Schnee.
     
    Beherzt ging der Vater auf den kleinen Stern zu und umfasste in vorsichtig mit seiner behandschuh-ten Hand. Er spürte sofort die Hitze, die der Stern immer noch ausstrahlte und wusste, warum das Häschen mit seiner zarten Nase, den Stern nicht hatte weiter berühren können.
     
    „Ich gebe mein Bestes, aber ich kann nur anfangen, den Rest des Weges musst du selber schaffen“, sagte er zum Stern und fing an, seinen Arm zu schwingen um möglichst viel Kraft in den Wurf legen zu können. Und als er genug Schwung hatte, öffnete er die heiß glühende Hand und warf den Stern kraftvoll in Richtung Himmel.
     
    Der kleine Stern hatte alles verstanden, was Vater und Tochter gesagt hatten. Und auch die Hilfe des Hasen hatte ihm ganz deutlich etwas gesagt: Ein Stern gehört an den Himmel und dort ist er wichtig und hat seine Aufgaben. Und egal, wie viele es gab, jeder einzelne Stern zählte. Das wusste er jetzt. Und als er mit Schwung in den Himmel geworfen wurde begann er sich zu drehen und wenden, um schneller zu werden. Er nahm allmählich Fahrt auf und gewann an Höhe. Und als es fasst mit dem Mond zusammen gestoßen wäre fühlte er einen Hauch, der ihn ganz unvermittelt an seinen verlassenen Platz katapultierte. Dort blieb er wackelnd und zitternd stehen und beruhigte sich ganz allmählich.
     
    Vater und Tochter schauten in den Himmel, dem Stern hinterher. Und auch das Häschen hatte seine Nase aus dem Dickicht gesteckt.
     
    Der Stern sah zu ihnen hinunter. Dann leuchtete er einmal besonders hell auf, wurde dunkel und blinkte dann kurz bevor er wieder normal im Licht erstrahlte.
  • Papa muss Weihnachten...
    von Conny Cremer

    Als Katharina das Klingeln hörte, wusste sie schon vor dem abheben des Hörers, dass er wieder mal nicht rechtzeitig zum Abendessen da sein würde.
    Aber nicht die Tatsache, dass er wieder später kommen würde, sondern der traurige Blick ihrer Tochter schmerzte sie. Gerade mal 4 Jahre alt wusste Kassandra schon, dass es immer das Gleiche bedeutete, wenn um diese Uhrzeit das Telefon klingelte. „Papa muss noch einen Bericht fertig machen!“, „Papa muss noch einen Kollegen in die Arbeit einweisen!“, „Papa muss noch an einer Besprechung teilnehmen!“, und so weiter, und so weiter.

    Das waren die Sätze, die Kassandra von ihrer Mutter hörte, wenn das Telefon die Verspätung eingeläutet hatte. Und auch die Mama fand das immer sehr traurig, denn so viel gemeinsame Zeit ging dem Vater und Ehemann verloren, weil er immer so viel anderes noch „musste“.
    Und dabei war doch jetzt Advent. Die Zeit von Ruhe und Besinnlichkeit. Die Zeit, die mit der Familie verbracht werden sollte um gemeinsam Vorbereitungen für Weihnachten zu machen oder auch nur gemeinsam zur Ruhe zu kommen.

    Im Kindergarten hatten sie Geschichten gehört vom gemeinsamen Backen der Plätzchen, denn dafür brauchte das Christkind Hilfe. Wäre ja auch viel zu viel Arbeit für’s Christkind all’ die Weihnachtsplätzchen für die ganze Welt alleine zu backen. Schließlich hat das Christkind ja auch Adventszeit sobald die erste Kerze brennt.
    Und die ganze Familie bastelt zusammen für den Weihnachtsbaum oder vorher für den Adventskranz und evtl. auch einen Adventskalender für jeden. Aber eben zusammen, also auch mit dem Papa. 
    Musste Papa denn außer seiner Arbeit nicht auch für sie da sein? Für sie und ihre Mutter um alle diese schönen Sachen zusammen zu erleben? Bisher hatte er keinen Tag Zeit gehabt und morgen war schon Nikolaus. Also auch gar nicht mehr so lange hin bis Weihnachten. Ja und den Nikolaus hatte Papa letztes Jahr auch schon verpasst, so wie er es wohl auch dieses Jahr tun würde.
    Katharina hob den Hörer ab und noch bevor sie sich hatte melden können hörte sie Gabriel sagen: „Nein, mein Schatz, ich werde heute nicht zu spät sein“.
    Sie stutzte und fragt: „Wie meinst du das? Besser gefragt – wozu zu spät oder eben nicht?“
    „Heute Abend bin ich zum Essen zu Hause. Und wenn dann der Nikolaus zu uns kommen will, dann bin ich auch da. Und überhaupt werde ich jeden Abend da sein und ganz besonders auch am Heiligen Abend“.

    Katharina glaubt nicht, was sie soeben gehört hat. Noch nie hat Gabriel angerufen, wenn er pünktlich Heim kam – was sowieso selten genug passierte. Immer nur Verspätungen hatte er angekündigt oder gar plötzliche Geschäftsreisen. Dann hatte sie ihm sogar den Koffer gepackt zum Bahnhof oder Flughafen bringen müssen.
    Vorsichtig fragte Katharina nach: „Also, Gabriel, versteh’ mich bitte nicht falsch, Kassandra und ich freuen uns sehr, wenn du heute da bist. Aber was ist passiert? Noch nie hast du angerufen, wenn du nicht später oder gar nicht Heim gekommen bist? Und jetzt kündigst du dich an zum pünktlich sein für heute und die ganzen kommenden Tage. Also, was ist passiert?“
    Tja, was war passiert? So ganz genau wusste das Gabriel selbst nicht. Und genau erklären konnte er es genau so wenig, wie selbst genau verstehen was mit ihm heute passiert war. Er fühlte sich ein bisschen in das Charles Dickens-Märchen „Scrooge“ versetzt, wenn er an den heutigen Nachmittag zurück denkt. 
    Seinen neuen Kunden, mit dem er heute den ersten Termin gebucht hatte, hatte er sich doch ganz anders vorgestellt. 
    Die Sekretärin brachte ein kleines zierliches Mädchen in sein Büro mit den Worten: „Dein Termin, Gabriel“, und verschwand verschmitzt lächelnd.
    Er hatte aufgeschaut und blickte direkt in die großen tiefblauen Augen des zierlichen Kindes, die ihn fest und durchdringend ansahen.
    Eigentlich hatte es in dem Gespräch um die wesentlichen Strukturen von Gemeinschaft gehen sollen und jetzt stand da dieses Mädchen vor ihm.
    Er hatte sich geräuspert und dann gesagt: „Tja, ich glaube, du bist hier bestimmt falsch. Oder hast du dir einen Scherz mit mir erlaubt?“
    „Nein“, hatte die Kleine daraufhin gemeint, „ich bin hier genau richtig und ein Scherz ist das auch nicht.“ Sie war direkt auf Gabriel um den Schreibtisch herum zugekommen, hatte sich auf seinen Schoß gesetzt und den völlig Überraschten bei den Händen gegriffen. Dann sagte sie folgendes: 
    „Gabriel, ich habe immer tolle Dinge erlebt genau in den Zeiten, in denen er den Menschen nur um die Familie ging. So schöne Dinge kann man gemeinsam tun und sich dabei die herrlichsten Geschenke machen. Und alles was mir wirklich etwas bedeutet war bisher selbst gemacht oder einfach nur die Zeit, die mit mir verbracht wurde. Alles kann man mit Geld kaufen, aber davon ist rein gar nichts wirklich wichtig. Denn alles, was wirklich wichtig ist, ist mit Geld nicht zu kaufen oder zu bezahlen. Zeit, miteinander und für einander. Liebe für den nächsten und besonders alle die uns nah sind.“

    Dann war sie aufgesprungen und zur Tür gegangen, hatte sich zu dem mit offenem Mund da sitzen-den Gabriel umgedreht und gesagt: „Merk dir das, denn genau das allein ist wichtig!“
    Dann hatte sich die Tür hinter dem Kind geschlossen und Gabriel hatte da gesessen und nicht ge-wusst, ob er gerade geträumt hatte. Auch sich an den Kopf klopfen hatte ihm das nicht bestätigen könne. Er wollte sich gerade wieder seinen Akten widmen, aber zog dann seine Hand doch wieder zurück. Dieses Kind, wer war es und wieso hatte sie einen Termin bei ihm haben können. Er hatte seine Sekretärin dazu gerufen und diese schwor Stein und Bein, dass er weder gerade einen Termin gehabt habe, noch dass sie ihm ein kleines Mädchen ins Büro gebracht hätte. Im Gegenteil erkundigte sie sich ob bei ihm alles in Ordnung sei bevor sie das Büro wieder verließ.

    Lange hatte er da gesessen und über das Geschehene oder eben nicht Geschehene nachgedacht. Dann hatte er den Hörer genommen und seine Frau angerufen, der er jetzt einfach alles so erzählte, wie er es erlebt hatte. 
    „Komm jetzt nach Hause, mein Schatz“, sagte Katharina zu Gabriel „und lass uns gemeinsam zu Abend essen, denn jetzt ist auch Kassandra wieder da. Sie war einige Zeit nicht zu finden.“
    Und als alle drei zusammen beim Abendessen saßen, da kam der Nikolaus. „Das wird das Christkind sehr freuen“, sagte er zu Gabriel und alle drei bekamen ein kleines Geschenk.

  • Weihnachten gar nicht klingeling
    von Sylvia Bauer-Pendl, Wien

    Es ist ein Fest der Freude. Und doch verbringen viele den Heiligen Abend, um den sich Sehnsüchte, Wünsche und Erwartungen ranken, freudlos in Kummer und Leid. Am 11.Dezember 2011 verstarb meine liebe Mama unerwartet und rasch. Sie hinterließ nicht nur mich, eine schwer geschockte Tochter, sondern die gesamte Familie in Schmerz und Trauer. Als wir die dritte Kerze am Adventkranz entzündeten hielt der Pfarrer das Begräbnis. Wenn in der Vorweihnachtszeit große Hektik ausbricht und alles im Geschenk-Genuss-Kulinarium versinkt, wenn ihr Weihnachtsfest gar nicht klingelingeling daherkommt, lesen sie zum Trost dies hier:
    Sylvi, schlüpft in einen grünen Mantel und ebensolche Papierschuhe, badet die Hände in einer übel riechenden Desinfektionslösung. Der Mundschutz baumelt am Ohr. Sie tritt ein und sofort umfängt sie gedämpfte Beleuchtung in kühlem Blau, blinkende Lämpchen, manchmal auch rot. Eine Weih-nachtsbeleuchtung wie vom XXL-Lutz; Schläuche, dicke, dünne, lange, kurze.
    "Bussi Mama, wie geht´s dir? Draußen weihnachtet es. Nein, Weihnachtsdekoration habe ich noch keine. Den goldenen Engel, den du mir letztes Wochenende am Adventmarkt gekauft hast, stelle ich auf.“
    Viele Päckchen hängen da. Alle aus Plastik und auf rollenden Alustangen; besser verpacken, es tropft!
    "Mama, ich habe noch keine Weihnachtsgeschenke. Wichtig ist nur, dass du gesund wirst."
    Das Christkind, blond und weiß, tritt mit dem Weihnachtsmann ans Bett. Beide schreiben in ein Buch.
    "Frau P. waren sie brav?"
    "Herr Doktor, tun sie Mama nicht weh. Ich will nicht, dass sie leidet."
    Mama schläft in einem großen Bett, welches Luft pumpt. Ich wünsche mir ein Boxspringbett. Nein! Ich wünsche mir gar nichts; nur, dass Mama nach Hause kommt.
    "Was sagst du Mama? Du siehst deine Mutter? Ich kann Oma nirgends entdecken. Da ist nur ein Vorhang. Alle sind tot. Papa, Oma, Opa, alle, mit denen wir wunderbare Weihnachten feierten.“
    Still ist es hier. Klar, es ist die stillste Zeit im Jahr.
    „Mama, erinnerst du dich an Weihnachtsfeste meiner Kindheit? Dein Christbaum so prächtig ge-schmückt, mit feiner Patience- und Windbäckerei, Stollwerk in Seidenpapier, silbernes Lametta, Wachskerzen, goldene Glaskugeln, süße Schokoladefiguren. Wenn du nach Hause kommst, schmü-cken wir wieder eine Tanne wie damals, ja?„
    Nun kommt doch noch Hektik auf. Der Monitor, an dem Mama angeschlossen ist, blinkt.
    "Mama? Maamaa! Lass mich nicht alleine! Mammaaaaaaaaaa.................."
    Rückblende: 27.12.1990
    Sylvis Mann schlüpft in einen grünen Mantel und ebensolche Papierschuhe.
    "Autsch!"
    "Maaaaaaaaaaa!" Ein kleines Bündel schmiegt sich an ihre Brust. Ihr Sohn ist geboren. Welch schönes Weihnachtsfest, eines der großen Gefühle und neuen Perspektiven.
     
    Ein Kind wurde geboren. Dieses Ereignis gehört gebührend gefeiert. Nicht sinnentleert, sondern getragen vom Weihnachtswunder, der Geburt Jesu Christi.
  • Der Weihnachtsbaum vom Weihnachtsmann
    von Cornelia Müller

    Der Weihnachtsmann ging durch den Wald. Er war ärgerlich. Sein weißer Spitz, der sonst immer lustig bellend vor ihm herlief, merkte das und schlich hinter seinem Herrn mit eingezogener Rute her. 
    Er hatte nämlich nicht mehr die rechte Freude an seiner Tätigkeit. Es war alle Jahre dasselbe. Es war kein Schwung in der Sache. Spielzeug und Esswaren, das war auf die Dauer nichts. Die Kinder freuten sich wohl darüber, aber quieken sollten sie und jubeln und singen, so wollte er es, das taten sie aber nur selten. 
    Den ganzen Dezembermonat hatte der Weihnachtsmann schon darüber nachgegrübelt, was er wohl Neues erfinden könne, um einmal wieder eine rechte Weihnachtsfreude in die Kinderwelt zu bringen, eine Weihnachtsfreude, an der auch die Großen teilnehmen würden. Kostbarkeiten durften es auch nicht sein, denn er hatte so und soviel auszugeben und mehr nicht. 

    So stapfte er denn auch durch den verschneiten Wald, bis er auf dem Kreuzweg war. Dort wollte er das Christkindchen treffen. Mit dem beriet er sich nämlich immer über die Verteilung der Gaben. 
    Schon von weitem sah er, dass  das Christkindchen da war, denn ein heller Schein war dort. Das Christkindchen hatte ein langes weißes Pelzkleidchen an und lachte über das ganze Gesicht. Denn um es herum lagen große Bündel Kleeheu und Bohnenstiegen und Espen- und Weidenzweige, und daran taten sich die hungrigen Hirsche und Rehe und Hasen gütlich. Sogar für die Sauen gab es etwas: Kastanien, Eicheln und Rüben. 

    Der Weihnachtsmann nahm seinen Wolkenschieber ab und bot dem Christkindchen die Tageszeit. „Na, Alterchen, wie geht's?“ fragte das Christkind. „Hast wohl schlechte Laune?“ Damit hakte es den Alten unter und ging mit ihm. Hinter ihnen trabte der kleine Spitz, aber er sah gar nicht mehr betrübt aus und hielt seinen Schwanz kühn in die Luft. 
    „Ja“, sagte der Weihnachtsmann, „die ganze Sache macht mir so recht keinen Spaß  mehr. Liegt es am Alter oder an sonst was, ich weiß
     nicht. Das mit den Pfefferkuchen und den Äpfeln und Nüssen, das ist nichts mehr. Das essen sie auf, und dann ist das Fest vorbei. Man müsste etwas Neues erfinden, etwas, das nicht zum Essen und nicht zum Spielen ist, aber wobei alt und jung singt und lacht und fröhlich wird.“ 
    Das Christkindchen nickte und machte ein nachdenkliches Gesicht; dann sagte es: „Da hast du recht, Alter, mir ist das auch schon aufgefallen. Ich habe daran auch schon gedacht, aber das ist nicht so leicht.“ 
    „Das ist es ja gerade“, knurrte der Weihnachtsmann, „ich bin zu alt und zu dumm dazu. Ich habe schon richtiges Kopfweh vom vielen Nachdenken, und es fällt mir doch nichts Vernünftiges ein. Wenn es so weitergeht, schläft allmählich die ganze Sache ein, und es wird ein Fest wie alle ande-ren, von dem die Menschen dann weiter nichts haben als Faulenzen, Essen und Trinken.“ 
    Nachdenklich gingen beide durch den weißen Winterwald, der Weihnachtsmann mit brummigem, das Christkindchen mit nachdenklichem Gesicht. Es war so still im Wald, kein Zweig rührte sich, nur wenn die Eule sich auf einen Ast setzte, fiel ein Stück Schneebehang mit halblautem Ton herab. So kamen die beiden, den Spitz hinter sich, aus dem hohen Holz auf einen alten Kahlschlag, auf dem großeund kleine Tannen standen. Das sah wunderschön aus. Der Mond schien hell und klar, alle Sterne leuchteten, der Schnee sah aus wie Silber, und die Tannen standen darin, schwarz und weiß es eine Pracht war. Eine fünf Fuß hohe Tanne, die allein im Vordergrund stand, sah besonders reizend aus. Sie war regelmäßig gewachsen, hatte auf jedem Zweig einen Schneestreifen, an den Zweigspitzen kleine Eiszapfen, und glitzerte und flimmerte nur so im Mondenschein.
     
    Das Christkindchen ließ den Arm des Weihnachtsmannes los, stieß  den Alten an, zeigte auf die Tanne und sagte: „Ist das nicht wunderhübsch?“ 
    „Ja“, sagte der Alte, „aber was hilft mir das ?“ 
    „Gib ein paar Äpfel her“, sagte das Christkindchen, „ich habe einen Gedanken.“ 
    Der Weihnachtsmann machte ein dummes Gesicht, denn er konnte es sich nicht recht vorstellen, dass  das Christkind bei der Kälte Appetit auf die eiskalten Äpfel hatte. Er hatte zwar noch einen guten alten Schnaps, aber den mochte er dem Christkindchen nicht anbieten. 
    Er machte sein Tragband ab, stellte seine riesige Kiepe in den Schnee, kramte darin herum und langte ein paar recht schöne Äpfel heraus. Dann fasste er in die Tasche, holte sein Messer heraus, wetzte es an einem Buchenstamm und reichte es dem Christkindchen. 
    „Sieh, wie schlau du bist“, sagte das Christkindchen. „Nun schneid mal etwas Bindfaden in zwei Finger lange Stücke, und mach mir kleine Pflöckchen.“ 
    Dem Alten kam das alles etwas ulkig vor, aber er sagte nichts und tat, was das Christkind ihm sagte. Als er die Bindfaden Enden und die Pflöckchen fertig hatte, nahm das Christkind einen Apfel, steckte ein Pflöckchen hinein, band den Faden daran und hängte den an einen Ast. 
    „So“, sagte es dann, „nun müssen auch an die anderen welche, und dabei kannst du helfen, aber vorsichtig, dass  kein Schnee abfällt!“ 
    Der Alte half, obgleich er nicht wusste, warum. Aber es machte ihm schließlich Spaß , und als die ganze kleine Tanne voll von rotbäckigen Äpfeln hing, da trat er fünf Schritte zurück, lachte und sagte; „Kiek, wie niedlich das aussieht! Aber was hat das alles für'n Zweck?“ 
    „Braucht denn alles gleich einen Zweck zu haben?“ lachte das Christkind. „Pass  auf, das wird noch schöner. Nun gib mal Nüsse her!“ 
    Der Alte krabbelte aus seiner Kiepe Walnüsse heraus und gab sie dem Christkindchen. Das steckte in jedes ein Hölzchen, machte einen Faden daran, rieb immer eine Nuss  an der goldenen Oberseite seiner Flügel, dann war die Nuss  golden, und die nächste an der silbernen Unterseite seiner Flügel, dann hatte es eine silberne Nuss  und hängte sie zwischen die Äpfel. 
    „Was sagst nun, Alterchen?“ fragte es dann. „Ist das nicht allerliebst?“ 
    „Ja“, sagte der, „aber ich weiß  immer noch nicht...“ 
    „Komm schon!“ lachte das Christkindchen. „Hast du Lichter?“ 
    „Lichter nicht“, meinte der Weihnachtsmann, „aber 'nen Wachsstock!“ 
    „Das ist fein“, sagte das Christkind, nahm den Wachsstock, zerschnitt ihn und drehte erst ein Stück um den Mitteltrieb des Bäumchens und die anderen Stücke um die Zweigenden, bog sie hübsch gerade und sagte dann; „Feuerzeug hast du doch?“ 
    „Gewiss “, sagte der Alte, holte Stein, Stahl und Schwammdose heraus, pinkte Feuer aus dem Stein, ließ  den Zunder in der Schwammdose zum Glimmen kommen und steckte daran ein paar Schwefelspäne an. Die gab er dem Christkindchen. Das nahm einen hell brennenden Schwefelspan und steckte damit erst das oberste Licht an, dann das nächste davon rechts, dann das gegenüberliegende. Und rund um das Bäumchen gehend, brachte es so ein Licht nach dem andern zum Brennen. 
    Da stand nun das Bäumchen im Schnee; aus seinem halbverschneiten, dunklen Gezweig sahen die roten Backen der Äpfel, die Gold- und Silbernüsse blitzten und funkelten, und die gelben Wachskerzen brannten feierlich. Das Christkindchen lachte über das ganze rosige Gesicht und patschte in die Hände, der alte Weihnachtsmann sah gar nicht mehr so brummig aus, und der kleine Spitz sprang hin und her und bellte. 
    Als die Lichter ein wenig heruntergebrannt waren, wehte das Christkindchen mit seinen goldsilbernen Flügeln, und da gingen die Lichter aus. Es sagte dem Weihnachtsmann, er solle das Bäumchen vorsichtig absägen. Das tat der, und dann gingen beide den Berg hinab und nahmen das bunte Bäumchen mit. 
    Als sie in den Ort kamen, schlief schon alles. Beim kleinsten Hause machten die beiden halt. Das Christkindchen machte leise die Tür auf und trat ein; der Weihnachtsmann ging hinterher. In der Stube stand ein dreibeiniger Schemel mit einer durchlochten Platte. Den stellten sie auf den Tisch und steckten den Baum hinein. Der Weihnachtsmann legte dann noch allerlei schöne Dinge, Spiel-zeug, Kuchen, Äpfel und Nüsse unter den Baum, und dann verließen beide das Haus so leise, wie sie es betreten hatten.
     
    Als der Mann, dem das Häuschen gehörte, am andern Morgen erwachte und den bunten Baum sah, da staunte er und wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Als er aber an dem Türpfosten, den des Christkinds Flügel gestreift hatte, Gold- und Silberflimmer hängen sah, da wusste er Bescheid. Er steckte die Lichter an dem Bäumchen an und weckte Frau und Kinder. Das war eine Freude in dem kleinen Haus wie an keinem Weihnachtstag. Keines von den Kindern sah nach dem Spielzeug, nach dem Kuchen und den Äpfeln, sie sahen nur alle nach dem Lichterbaum. Sie fassten sich an den Händen, tanzten um den Baum und sangen alle Weihnachtslieder, die sie wussten, und selbst das Kleinste, das noch auf dem Arm getragen wurde, krähte, was es krähen konnte. 
    Als es hell lichter Tag geworden war, da kamen die Freunde und Verwandten des Bergmanns, sahen sich das Bäumchen an, freuten sich darüber und gingen gleich in den Wald, um sich für ihre Kinder auch ein Weihnachtsbäumchen zu holen. Die anderen Leute, die das sahen, machten es nach, jeder holte sich einen Tannenbaum und putzte ihn an, der eine so, der andere so, aber Lichter, Äpfel und Nüsse hängten sie alle daran. 
    Als es dann Abend wurde, brannte im ganzen Dorf Haus bei Haus ein Weihnachtsbaum, überall hörte man Weihnachtslieder und das Jubeln und Lachen der Kinder. 
    Von da aus ist der Weihnachtsbaum über ganz Deutschland gewandert und von da über die ganze Erde. Weil aber der erste Weihnachtsbaum am Morgen brannte, so wird in manchen Gegenden den Kindern morgens beschert.   

  • Der Traum vom Himmel
    von Thomas Weinmann   

    Ich stehe auf dem Mond. Der Himmel ist tiefschwarz, die Sterne sind so klar wie nirgends auf der Erde zu erkennen. Und am Horizont ist die Erde am Aufgehen, ein riesiger blauer Ball mit vielen weissen Wolken und braun-grünen Flecken. Wie ein Edelstein hebt sie sich von der kargen Mondlandschaft und der unendlichen schwarzen Weite des Alls ab, ein atemberaubender Anblick! 

    Um mich herum ist es komplett still. Nur das leise Zischen des reinen Sauerstoffs, der in den Anzug strömt, ist zu vernehmen. Obwohl ich komplett in eine komplizierte Technik eingebunden bin, um in dieser feindlichen Umgebung zu überleben, fühle ich mich in einzigartiger Weise geborgen und aufgehoben.
    Ich lasse meinen Blick über die Wüste des Mondes schweifen – da ist nichts als Staub, Sand, Steine, Felsen und Krater.
    Dann erblickte ich es: Ein Haus, das auf einer kleinen Anhöhe steht! 

    Mit einem leichten Schaudern gehe ich darauf zu, komme näher und sehe, dass es sich um einen Neubau eines Einfamilienhauses in rustikalem Stil handelt. Weisse Wände, Biberschwanz-Ziegel. Ich trete durch die offene Türe in das Innere, welches eine sympathische Wärme ausstrahlt. Da ist nie-mand, aber man sieht deutlich, dass sich alles noch im Bau befindet – da stehen Farbkessel, Werk-zeuge und Leitern herum. Ich schreite durch die Räume -  erfüllt von grosser Geborgenheit, von Glück und Sehnsucht zugleich.
    Da ertönt im Helm von weit her eine Stimme die mich zur Umkehr mahnt. So schreite ich durch die Tür hinaus in die Weite der kargen Mondlandschaft. 

    Vor der Haustür greife ich in die Tasche und finde einen Schlüssel. Nachdenklich stecke ich ihn ins Schloss. Er passt! Ich schließe damit die Haustür ab. 
    Da werde ich mir gewiss: Dieses Haus wird einmal mein Haus sein! 
    Es befällt mich eine große, gleichzeitig mit starker Sehnsucht gepaarte Traurigkeit. 
    Aber ich muss gehen. 
    Und ich will gar nicht erst aufwachen…
    Jahre später werde ich mit Brustschmerzen ins Spital gebracht. Die Nacht auf der Intensivstation ist schlimm, ich mache kaum ein Auge zu. Am nächsten Tag bekomme ich Besuch von einer Bekannten. Diese bringt mir eine Karte mit einem Bild von der aufgehenden Erde, welches ein Astronaut auf dem Mond gemacht hat - was mir einen gehörigen Schrecken einjagt! Doch die Karte ist unbeschrieben. 
    Sie sagt etwas verlegen, die Karte habe ihr sehr zugesagt, aber es sei ihr nichts zum Schreiben dazu eingefallen.
    Gott sei Dank! Das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben. Es stellt sich heraus, dass der vermeintliche Herzinfarkt auf die belastende Situation am Arbeitsplatz zurückzuführen ist.
    Bis seit vielen Jahren schon liegt die unbeschriebene Karte auf dem Gestell in meinem Büro…
    Gerade an Weihnachten denke ich wieder an den Zuspruch von Jesus: 
    Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet an mich! In dem Haus meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich gehe voraus, euch diese vorzubereiten. Und ich will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass ihr seid, wo ich bin. 
    Nach Joh. 14, 1-3
  • Bens Weihnachtswunsch
    von Barbara Pronnet

    Jenny ging als Christkind zur Weihnachtsfeier. Weißes kurzes Kleid und goldener Haarreif mit Heil-genschein auf den blonden Locken, kleine goldene Pappflügel und schon sah sie aus wie ein Rauschgoldengel. Die Kollegen fanden es super und sie genoss die Komplimente. Wegen hoher Arbeitsbelastung fiel der Event auf den 23.12. Morgen konnten sie ja alle ausschlafen und den verdienten Weihnachtsurlaub antreten. 

    Jenny fand eigentlich gar nichts aufregend an Weihnachten und der Heilige Abend bei der Familie war nervig und spießig. Ihre Eltern behandelten sie wie ein Kleinkind und sie wurde sicher wieder gemästet und mit Liebe überschüttet. Seit Jenny allein wohnte, frönte sie mehr dem Nachtleben und fand sich mit ihren zwanzig Jahren cool und unabhängig. 
    Die Feier war feuchtfröhlich und als die Idee kam, gleich anschließend ein frühes Frühstück im Cafe um die Ecke  einzunehmen, war es schon nach neun Uhr morgens als sie sich alle lachend und müde von einander verabschiedeten. 

    Jenny wohnte nicht weit weg von dem Cafe. Sie wollte ihren Brummschädel auskühlen lassen und ging zu Fuß nach Hause. Sie knöpfte ihre weiße Felljacke fest zu und marschierte, leise zu dem neuesten Hit summend, ihre kleine Einbahnstraße entlang. Neue Reihenhäuser mit schicken Vorgärten waren bereits festlich geschmückt und überall blinkte und funkelte es aus den Fenstern. Nur das letzte Eckhaus war ohne Glanz und Lichterketten und als Jenny am Gartentor vorbei ging, saß ein kleiner Junge vor der Eingangstür und schaute ziemlich traurig drein. Als er Jenny sah, glitt ein so freudiges Strahlen auf sein kleines Gesicht, dass Jenny stehen blieb und zurück lachte.
    „Na Kleiner, wer hat dich denn so Früh ausgesetzt?“ fragte Jenny kess wie immer.
    “Bist du das Christkind?“ fragte er vorsichtig.
    Jenny wurde sich ihres Outfits wieder bewusst und wollte gerade etwas klarstellen, als der kleine Junge schon das Tor geöffnet hatte und sie an der Hand nahm und Richtung Haus zog.
    „Halt warte doch mal“ Jenny ging in die Hocke und sah dem Jungen in die Augen. 
    „Wo sind denn deine Eltern?“
    „Die sind heut früh schon wieder in ihr Büro, da sind sie eigentlich immer. Heute kommen sie sicher auch wieder spät, aber heut ist doch Weihnachten und der Christbaum liegt noch im Keller und wahrscheinlich vergessen sie sowieso das du heute kommst. Jetzt kommt dann gleich mein Babysitter, aber die ist doof und hört nur Musik und mag mich nicht“ sprudelte es aus ihm heraus.
    Und jetzt denkt er womöglich ich bin das Christkind, so ein Mist und das mir, dachte Jenny. Für sowas hab ich ja überhaupt keine Begabung.
    Sie überlegte kurz und besann sich. Es war Heiliger Abend.
    „Wie heißt du denn überhaupt?“ Jenny setzte ihr schönsten Lächeln auf.
    „Ben. Ich bin sechs Jahre alt. Er zeigte sechs kleine Finger in die Luft.
    „Pass auf Ben, du weißt dass ich heute viel zu tun habe, aber wo ich schon mal hier bin, komme ich kurz rein und trage dir den Christbaum hoch ins Wohnzimmer, ok?“
    Ben nickte ganz wild und schob Jenny Richtung Haustür. 
    Noble Hütte, alles klinisch sauber und ziemlich ungemütlich, dachte sie sofort. Sie schlüpfte aus ihrer Daunenjacke und zog ihre Flügel in Form.
    Ben lotste sie gleich in den Keller und Jenny sah den Christbaum und den Halter dazu in einer Ecke stehen. Wenigsten war er nicht so groß. Sie klemmte ihn sich unter den Arm und Ben zog eifrig eine Kiste aus einem Regal
    „Der Schmuck ist da drin und die Krippe“ sagte er aufgeregt und lief schon wieder damit nach oben. Jenny versuchte ihre Kopfschmerzen auszuschalten und das Spiel einfach mitzumachen. Sie würde sich noch was einfallen lassen müssen wenn die Aufpasserin kam und sie hier antraf. Sie hatte Mit-leid mit dem kleinen Kerl und eine Wut auf die abwesenden Eltern. Eigentlich sollten die hier sein und sich um ihr vereinsamtes Kind kümmern. 
    Im Wohnzimmer befreiten sie gemeinsam den Baum aus dem Netz und steckten ihn mit viel Mühe in den Halter. Ben öffnete die Kiste und ein Sammelsurium aus edelsten Kugeln, Glasfiguren und Strohsternen kam zum Vorschein. Ben lief zum CD-Player und schon dudelte „Lasst uns froh und munter sein“ durch das Wohnzimmer. 
    Jenny musste schmunzeln als sie den Kleinen beobachtete. Ben strahlte und plötzlich wusste Jenny was es hieß, Kinder mit großen Augen vor dem Christbaum zu sehen. 
    „Ich weiß schon was ich geschenkt bekomme“, Ben hing vorsichtig eine rote Kugel an den Baum. „Eine ganze Menge Spielsachen, ein Fahrrad, Hörbücher und Süßigkeiten, aber das weißt du ja selber, weil du das alles heute Abend bringst“.
    „Du klingst aber nicht so begeistert. Stimmt, du bekommst eine ganze Menge, mehr als viele andere Kinder“. 
    „Eigentlich wünsche ich mir nur das Mama und Papa mehr Zeit für mich haben. Sie sind immer weg und abends müde und heute wird das sicher auch so sein“.
    Jenny kniete sich zu Ben und sah ihm in die Augen.
    „Ben, erzähl deinen Wunsch deinen Eltern heute Abend und richte ihnen von mir aus, dass es nichts Schöneres und Wertvolleres gibt als Zeit für einander zu haben. Kein Spielzeug dieser Welt macht so viel Freude. Hast du verstanden?“
    „Ja, hab ich, ich sag ihnen das du dir das auch wünscht“.
    „Richtig, Weihnachten ist ein Fest wo alle Menschen zusammenkommen, sich zuhören und für ei-nander da sind. Das wünscht sich das Christkind am meisten“.
    Der Baum sah wunderschön aus und sie schauten stolz auf ihr gemeinsames Werk.
    „Die Kerzen machst du aber erst an wenn deine Eltern wieder da sind, versprochen? Ich muss jetzt los und du bleibst im Haus, draußen ist es kalt.“
    Jenny ging in den Flur und zog ihre Jacke an. Plötzlich ging die Haustüre auf und ein junges Mädchen mit Kopfhörer und pinken Strubbelhaaren starrte sie entsetzt an.
    „Keine Angst ich bin nur das Christkind“ grinste Jenny. Sie streichelte Ben über das Haar.
    „Du wirst sehen, deine Eltern werden dir deinen Wunsch erfüllen, du musst nur fest dran glauben“.
    „Mach ich und danke, Christkind“ Jenny nahm den kleinen Jungen in die Arme und drückte ihn fest an sich.
    „Bis bald Ben und fröhliche Weihnachten“
    Jenny verließ das Haus und ging eilig weiter in ihre Straße. Sie hatte plötzlich eine solche Sehnsucht nach ihren Eltern und freute sich auf die Wärme und Geborgenheit die sie dort erwartete. So muss Weihnachten sein, dachte sie und hoffte, dass der kleine Ben seinen größten Wunsch erfüllt bekam.
  • Der Weihnachtstraum
    von Tiras Rapkeve

    Mit lautem Getöse ratterte die Weihnachtskutsche durch die Luft der dunklen und kalten Nacht. Vorn auf dem Kutschbock saßen zwei Männer in roten Mänteln und langen weißen Bärten. „Wo willst du hin Quirlax?“ rief einer der beiden. „Hab keine Angst Racket. Ich weiß schon was ich tue. Wir müssen nur etwas nach rechts.“ - „Denk daran Quirlax. Du bist hier nicht in Traumania. Und unsere Traummäntel wirken hier nicht.“ - „Oh Gott!“ rief der Mann, der Quirlax genannt wurde, entsetzt. „Das hab ich ja ganz vergessen!“
    Die Kutsche, mit vielen bunten Kisten und Kartons bepackt, schleuderte von einer Seite auf die andere, und sosehr die zwei Männer nun auch an den Zügeln rissen, sie stürzen vom Himmel hinunter in einen großen Schneehaufen, direkt vor das Haus des kleinen Jungen Ralf.
    Ralf, durch den lauten Krach aus seinem Schlaf gerissen, stürzte aus seinem Bett zum Fenster und schob vorsichtig die Gardine etwas zur Seite. Seltsamer Weise schien kein anderer im Haus von dem Krach munter geworden zu sein, denn alles blieb ruhig, und nirgends ging ein Licht an.
    Dennoch hörte Ralf ganz deutlich Stimmen, genau dort, wo er am Nachmittag mit seinem Vater einen großen Schneehaufen aufgeworfen hatte.

    „Ich hätte es mir ja denken können, dass auch diesmal alles schief geht“, hörte Ralf einen der Männer sagen. „Hör auf Racket. Wir sind doch hier. Was willst du mehr?“ - „Sieht dich doch um, Quirlax. Alle Geschenke liegen kreuz und quer verstreut. Wie sollen wir jetzt rechtzeitig fertig werden?“
    Als Ralf sich auf die Zehenspitzen stellte konnte er über den ganzen Schneehaufen verstreut bunte Kartons und Kisten mit Schleifen sehen. So viele Geschenke, kleine und große Schachteln, in langen und kurzen Verpackungen, so viele, wie er sie noch nie in seinem Leben auf einem Haufen gesehen hatte.
    Eifrig packten Quirlax und Racket die Geschenke wieder in ihre Kutsche. „Wir werden niemals rechtzeitig fertig werden. Und das ist alles deine Schuld Quirlax!“ - „Ach was. Wir packen das schon. Da haben wir schon ganz andere Dinger wieder hin gekriegt. Gib mir die Karte.“ - „Die Karte?“ fragte Racket mit weiten Augen. „Ich habe die Karte nicht. Ich denke du hast die Karte.“ - „Ich? Nein, nein. Du solltest die Karte doch mitnehmen. Das hatten wir so abgemacht.“ - „Na prima“, lies sich Racket in den Schnee plumpsen. „Dann werden wir die Geschenke niemals an den richtigen Ort bringen. Ich weiß nicht wie wir das zu Hause erklären sollen.“
    Auch Quirlax lies sich nun neben Racket in den Schnee fallen. Und als sie so im Schnee saßen und Trübsal bliesen schaute Racket zufällig zu Ralfs Haus hinüber und sah den kleinen Jungen neugierig im Fenster stehen.
    „Du, Quirlax.“ sprach er leise, ohne den Blick von Ralf zu nehmen. „Da beobachtet uns jemand. „Was?“ rief Quirlax überrascht und schaute sogleich zu dem Haus. „Wie kann das denn sein? Ich denke die Menschen sehen uns nicht.“ - „Ich weiß auch nicht.“
    Quirlax stand auf und lief auf das Fenster zu. „Hey du! Du da an dem Fenster!“ Schnell duckte sich Ralf. „Hab keine Angst. Wir tun dir nichts.“
    Vorsichtig kam Ralf wieder hoch und blickte nun in ein sehr freundliches und warmes Gesicht, mit einem langen weißen Bart und einer roten Mütze auf dem Kopf. „Komm raus.“, sagte Quirlax freundlich. Aus irgendeinem Grunde, den Ralf selbst nicht ganz begriff, hatte er keine Angst. Schnell öffnete er das Fenster und sprang hinaus. Eigenartiger Weise war der Schnee auch nicht kalt, obwohl er barfuß mit Quirlax nun zu der Kutsche lief.

    „Wer bist du?“ fragte Ralf neugierig diesen seltsamen Mann. „Ich? Na ja. Ich bin der Weihnachts-mann.“ - „Du bist der Weihnachtsmann?“ fragte Ralf verblüfft. „Eh, ja. Dieses Jahr schon. Dieses Jahr bin ich der Weihnachtsmann.“ - „Gibt es denn jedes Jahr einen anderen Weihnachtsmann?“ - „Oh ja, mein Junge. Der Rat der Weisen bestimmt jedes Jahr jemanden, der zu den Menschen fahren darf und ihnen viele wunderbare Geschenke bringt. Und dieses Jahr bin ich es“, sagte Quirlax ganz stolz. „Ja, ja. Jetzt wo wir den schwarzen Regen besiegt haben, da ist wieder alles im Lot in unserem Land. Und weil ich dabei geholfen habe gewissermaßen, darf ich dieses Jahr der Weihnachtsmann sein.“ - „Aber woher kommst du denn?“ fragte Ralf erstaunt nach. „Ich glaube ich habe dir schon viel zu viel erzählt kleiner Junge.“ sagte Quirlax und schaute verlegen zu Racket. Doch Racket zuckte nur mit den Schulter. „Ist jetzt eh egal. Jetzt kannst du ihm auch alles erzählen.“ - „Na gut Junge. Wir kommen aus einem Land das Traumania heißt. Es ist das Land der Träume.“ - „Das Land der Träume?“ - „Ja, ja.“ nickte Quirlax eifrig. „Jeder Mensch ist dort in seinen Träumen. Sie wissen es nur nicht.“ - „Ich auch?“ fragte Ralf neugierig. „Ja. Du auch. Eigentlich dürftest du uns jetzt gar nicht sehen. Ich weiß nicht was da schon wieder falsch läuft.“
    „Was sind denn das für Geschenke?“ fragte Ralf weiter. „Oh, das sind alles Träume. Für jeden Men-schen in dieser Stadt haben wir einen Traum mitgebracht. Doch leider hat irgendjemand die Karte zu Hause vergessen, so dass wir jetzt nicht mehr wissen welcher Traum für welchen Menschen ist.“
    Ralf schaute auf den ganzen Haufen Geschenke. „Aber es steht doch überall ein Name drauf.“ - „Ja, schon.“ erwiderte Quirlax. „Aber wir wissen doch nicht wo all diese Leute wohnen.“ - „Aber ich weiß es doch!“ rief Ralf sofort sehr aufgeregt. „Ich weiß wo die Menschen alle wohnen. Hier zum Beispiel.“ Ralf nahm eine Schachtel hoch. „Anna geht mit mir in eine Klasse. Sie wohnt nur ein paar Straßen weiter. Oder Mike, der wohnt auch nicht weit entfernt.“

    Quirlax schaute Racket fragend an und dieser nickte schließlich zustimmend mit dem Kopf. „Was soll’s. Da er uns eh schon gesehen hat, dann kann er uns genauso gut auch helfen. Nehmen wir ihn mit. Vielleicht schaffen wir es so doch noch rechtzeitig fertig zu werden.“ Dann flüsterte Racket Quirlax leise ins Ohr. „Der Rat der Weisen muss es ja nicht wissen.“
    Also luden Quirlax und Racket die restlichen Geschenke in ihre Kutsche ein und setzten schließlich auch Ralf zwischen sich auf den Kutschbock. Quirlax zog straff an den Zügeln und die Kutsche erho-ben sich wieder in die Luft.
    Quirlax und Racket verteilten die ganze Nacht ihre Geschenke. Dank Ralf fanden sie nun den richtigen Weg zu den vielen Menschen und brachten ihre Träume an den richtigen Ort. Ralf gingen fast die Augen über, als er all die vielen wunderbare Träume sah. Auch wenn es jedesmal nur der Anfang war, so waren es doch ganz besondere Träume, Träume, die der Weihnachtsmann den Menschen brachte.
    Schließlich kamen sie wieder zurück zu Ralfs Haus und nur noch drei Geschenke waren übrig. Die Kutsche schwebte direkt vor das Haus, und als ob die Wände aus purer Luft wären flog sie mitten in das Schlafzimmer hinein. Vorsichtig nahm Quirlax eine große Kiste und las den Namen von Ralfs Vater. Dann gab er Ralf das Geschenk und lächelte ihn freundlich an. „Schenk ihm diesen Traum Junge.“ Und als Ralf das Geschenk herunterfallen lies, öffnete sich die Kiste und ein wahrer Sternenregen ergoß sich über seinem Vater. Schon bald änderte sich die Umgebung und er war mitten in seinem Traum. Er war weit weg, auf einer wunderschönen Insel, mit einem langen weichen Sandstrand und wanderte durch warmes blaues Wasser. Als Ralf auch seiner Mutter ihr Geschenk gab, sah er auch sie bald an dem gleichen Strand laufen, Hand in Hand mit ihrem Mann. Es war ein so schöner Traum, und Ralf war überglücklich, als er seine Eltern so sah. Er war überglücklich, dass er es war, der ihnen diesen Traum schenken durfte. Doch noch war er nicht vollkommen. Noch fehlte etwas.
    Ralf merkte gar nicht wie sich plötzlich alles um ihn herum veränderte, wie er nun gar nicht mehr in der Kutsche saß, sondern auch in dem weichen Sand spazierte, Hand in Hand mit seinen Eltern der warmen Sonne entgegen.

    Quirlax hatte nun auch das letzte Geschenk verteilt. Es war der letzte Karton, der noch in der Kutsche übrig geblieben war. Es war der Traum des kleinen Ralf.
    Lange schliefen die Menschen am nächsten Morgen. Sie alle wollten etwas länger als sonst in ihren Träumen bleiben, sie alle wollten sich an dem Geschenk erfreuen, das der Weihnachtsmann ihnen in diesem Jahr geschenkt hatte.
    Doch Ralfs Traum war etwas ganz besonderes. Er hatte den Weihnachtsmann gesehen und wusste nun woher er kam. Er hatte ihm sogar helfen dürfen seine Geschenke zu verteilen. Und dafür hatte er ein Versprechen erhalten. Für seine Hilfe hatte Quirlax und Racket ihm versprochen, ihm in seinen nächsten Träumen das wunderbare Land der Träume zu zeigen. Sie wollten ihn mit nach Traumania nehmen. Doch das ist eine andere Geschichte.
  • Zwei befreundete Weihnachtsengel
    von Ramona Schweiger

    Es waren einmal zwei befreundete Weihnachtsengel. 
    Sie hießen Andrea und Ramona und hatten sich schrecklich lieb.
    Als Weihnachten näher rückte, ertappte Ramona Andrea öfter dabei, dass sie etwas  vor ihr versteckte, sobald sie in ihre Nähe kam. Neugierig wie der Weihnachtsengel Ramona war, fragte sie Andrea, was sie denn da habe. Andrea wollte es ihr aber nicht sagen. Deshalb war Ramona ihr beleidigt. 

    Als der Weihnachtsengel Andrea gerade bei der Arbeit in der riesigen Weihnachtsfabrik war, kam Ramona zufällig vorbei. Sie wollte immer noch wissen, was Andrea vor ihr verstecken wollte und als sie wieder auf taube Ohren stieß, schrie sie Andrea an: „Dann halt nicht!“ Und sie stapfte wütend davon. Da wurde der Weihnachtsengel Andrea ganz traurig und fing an zu weinen. Versehentlich blieb sie mit dem Ärmel ihres Kleidchens an einem Hebel hängen, während sie eine Träne wegwischte, und betätigte ihn. Auf dem Hebel stand: Wolkenproduktion. 

    Oh je! Dieser Hebel sorgte normalerweise für die Herstellung von Transportwolken, die die Geschenke zwischen den verschiedenen Bereichen der Fabrik hin- und herfliegen. Doch einen Tag vor Weihnachten waren fast alle Geschenke fertig und es wurden keine weiteren Wolken benötigt. Leider jedoch hatte der Chefmechanikerengel einen Fehler in der Wolkenmaschine festgestellt, den er nach den Weihnachtsfeiertagen beheben wollte. Normalerweise produzierte die Maschine nämlich handliche wattebauschähnliche Wolken, auf die man gut Geschenke stellen konnte, aber vor kurzem fing sie an, Nebel zu verbreiten und es wurde beschlossen, die Wolkenproduktion bis auf weiteres einzustellen. 

    Als diese nun anfing, Nebel zu verbreiten, bekam Weihnachtsengel Andrea einen Schreck, denn sie wusste nichts von dem Fehler und dachte, sie hätte die Wolkenmaschine kaputt gemacht. Aufgeregt lief sie hin und her anstatt die Maschine abzustellen und jammerte fürchterlich. Plötzlich stand der Weihnachtsmann hinter ihr. „Ja, was ist denn hier los?“ sagte dieser mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. Andrea klammerte sich an den Ärmel des Weihnachtsmannes und schluchzte: „Ich habe die Wolkenmaschine kaputt gemacht. Das wollte ich nicht!“ „Aber nein, die Maschine war schon vorher kaputt. Da kannst du nichts dafür. Hör auf zu weinen.“ Er stellte die Maschine ab. Doch Weihnachtsengel Andrea heulte immer noch: „Ich kann nicht. Das wäre alles nicht passiert, wenn wir uns nicht gestritten hätten!“ „Na dann erzähl doch mal“, tröstete der Weihnachtsmann Andrea. Und als Weihnachtsengel Andrea ihre Geschichte beendet hatte, sagte er zu ihr: „Dann sag Ramona doch einfach, dass du ihr erst an Weihnachten zeigen kannst, was du vor ihr versteckst.“ Andrea erwiderte: „Aber ich wollte sie doch überraschen. Und so weiß sie doch bestimmt, dass ich ein Geschenk für sie habe!“ „Ja, wenn ich das gewusst hätte“, hörte Andrea eine Stimme hinter sich sagen, „dann wär ich dir doch nie beleidigt gewesen. Ich habe gedacht, du magst mich nicht mehr.“ Als Andrea sich umdrehte, stand Ramona mit Tränen in den Augen hinter ihr und schniefte. „Es tut mir Leid.“ Die beiden umarmten sich und hatten sich wieder lieb. Für die Zukunft nahmen sie sich fest vor, einander alles zu sagen, sodass es gar nicht erst zu Missverständnissen kommen konnte. 
  • Mein Weihnachtsgefühl
    von Barbara Pronnet
       
    Jeder der ein christliches Weihnachtsfest feiert, kennt dieses Gefühl. Aufregung, Vorfreude, der Blick für alles Schöne und Gute. Mitgefühl, Nachsicht und die Unschuld eines Kindes erfasst das Gemüt. Das alles weht einen ins Herz und lässt uns hoffen auf ewigen Frieden und Glück. Meistens ist am ersten Weihnachtsfeiertag wieder Schluss damit. Wir denken an Sylvester und wo man es hinter sich bringen wird und spätestens nach Heilig Dreikönig gehen wir wieder unserem nüchternen Alltag nach.

    Ich war eine Frau in den besten Jahren. Ich sehe durchschnittlich aus, ich verdiene durchschnittlich in einem kleinen Handwerksbetrieb als Buchhalterin. Ich bin alleinstehend aber nicht unglücklich damit. Ich habe Bekannte und Nachbarn. Ich bin nicht unfreundlich aber auch nicht aufdringlich und am liebsten verbringe ich meine Freizeit alleine in der Natur. Überschwängliche Emotionen sind mir genauso fremd wie ständiges Geschnatter um unnützes Zeug. Esoterik und aller Art von Religionen lehne ich ab. 
    Soviel dazu.

    Meine Geschichte begann vor einem Jahr kurz vor Weihnachten. Überall drängte sich wieder der schillernde Konsum unnützem Kitsch auf. Ich mied den Weihnachtsterror wo es nur ging. Im Betrieb herrschte eine ausgelassene Stimmung. Wir tranken Glühwein und aßen Plätzchen und ich machte mich frühzeitig davon um noch etwas spazieren zu gehen. Ich packte mich warm ein und lief zu unserem Stadtfriedhof. Der richtige Platz um sein Ruhe zu haben. Ich ging an eingeschneiten alten Gräbern mit unbekannten Inschriften vorbei. Es war totenstill. Plötzlich verharrte ich an einem Grab, deren Stein die Form eines Herzens hatte. Es war ein neueres Grab. Ein Kind lag dort begraben. Es wurde nur sechs Jahre alt. Es wurde am Heiligen Abend geboren und war auch letztes Jahr am Heiligen Abend verstorben. Ein kleines Bild zeigte ein Mädchen mit fröhlichem Lachen und braunen Zöpfen. 

    Ich starrte auf das Bild und mir zog plötzlich etwas durchs Herz, Mark und Bein. Ich griff mir an die Brust und dachte ein Herzinfarkt überfiel mich, aber es war etwas anderes. Ein warmes, leichtes und unglaublich intensives Gefühl strömte plötzlich durch meine Adern. Ich spürte eine mir völlig unbekannte Leichtigkeit und Freude. Erschrocken blickte ich mich um. Ich fühlte mich an diesem Ort meiner Gefühle ertappt. Schnell verließ ich das Grab und den Friedhof. Zu Hause verkroch ich mich gleich ins Bett und fiel in einen traumlosen Schlaf. Am nächsten Morgen erwachte ich wieder mit diesem seltsamen Gefühl der Freude und Zuversicht. 

    Es fühlte sich an, wie wenn ich jemanden mit tiefster Liebe erwarten würde. Ich duschte kalt und verließ unruhig das Haus. In der Arbeit fragten mich die Kollegen ob ich guter Dinge wäre, ich hätte ein Strahlen in den Augen. Beim Bäcker, die Nachbarn, Kollegen, alle Menschen in meiner Umgebung, sie lächelten mich an und wünschten mir fröhliche Weihnachten. Ich lief anscheinend den ganzen Tag mit einem Grinsen im Gesicht herum. 

    Etwas war mit mir geschehen. Ich wollte plötzlich die ganze Welt umarmen. Ich freute mich über das Morgengrauen und empfand den Tag als mein persönliches Geschenk. Weihnachten ging ich in die Kirche und nahm die Einladungen verschiedener Bekannten gerne an. Ich führte lang vorhergeschobene Gespräche mit entfernten Verwandten und erlebte meinen ersten Weihnachtszauber. Alles fühlte sich gut und richtig an.

    Am Anfang versuchte ich es noch zu ignorieren, stieß es immer wieder von mir. Aber es ließ mich nicht mehr los, dieses Gefühl. Ärzte, Psychologen, Geistliche, jeder wusste etwa dazu zu sagen. Aber keiner konnte mir erklären was mit mir los war. Ich nannte es bald mein Weihnachtsgefühl, denn auch lange nach den Feiertagen blieb es in meinem Herzen. Ich ergab mich ihm hin und durchlebte ein Jahr voller Zufriedenheit und Glück. 

    Vieles hatte sich dadurch verändert. Ich nahm meine Umwelt mehr wahr und hatte das Bedürfnis anderen mehr zuzuhören und zu helfen. Ich wurde gesellschaftsfähig.
    Es forderte mich auch, dieses unbekannte Gefühl. Es verlangte etwas von mir. Als ob ich eine Aufgabe zu erfüllen hätte. Ich nahm eine ehrenamtliche Tätigkeit in einem Kindergarten wahr. Kinder verstanden mich am besten. Sie erfreuten sich am einfachsten im Hier und Jetzt und sahen dem Leben ohne Argwohn entgegen. 

    Ein wenig war ich wie sie geworden. Oft musste ich mich bremsen um nicht andere mit meinem Frohsinn zu erschrecken. Eine Blumenwiese, Schmetterlinge oder einfach ein Butterbrot versüßten mir den ganzen Tag.
    Es war wieder Adventszeit geworden und wir bastelten im Kindergarten eine Krippe. Ich lauschte zufrieden dem Geplapper der aufgeregten Kinder und freute mich auf Weihnachten. Obwohl ich das ganze Jahr Glückseligkeit verspürte, war mein Gefühl zu dieser Zeit noch stärker geworden. 

    Eine Erzieherin erzählte eine Weihnachtsgeschichte. Die Kinder hörten mit großen Augen zu und es war herrlich ihnen zuzusehen. Als die Geschichte zu Ende war, erzählte die Frau den Kindern, dass ein kleines Mädchen diese Geschichte besonders mochte. Das Kind liebte Weihnachten über alles und es war an Heiligen Abend geboren und leider auch verstorben. Sie vermisst es sehr, denn das Mädchen war ein ganz besonderes Kind so wie alle Kinder etwas Besonderes sind. Die Frau hatte Tränen in den Augen.

    Mich überfiel ein Schaudern. Mein Weihnachtsgefühl zeigte sich das erste Mal an dem Grabstein der wie ein Herz aussah und ich erinnerte mich noch gut an das Bild von dem kleinen Mädchen mit den Zöpfen. 
    In der Mittagspause nahm ich die Frau zur Seite und erzählte ihr meine Geschichte. Sie sagte mir sie sei die Mutter des Mädchens. Ihre Tochter war ein glückliches Kind dass nur Freude verbreitete. Weihnachten war ihre liebste Zeit und sie feierten ihren Geburtstag und das Kommen des Christkinds immer besonders innig und schön. Sie starb an einem plötzlichen Herztod. 

    Ich umarmte die Frau und sie ließ sich von mir trösten. Sie meinte, sie spürte eine wunderbare Wärme und Zufriedenheit, so als ob sie ihr Kind wieder in den Armen hält. 
    Wir wurden Freundinnen und wenn wir gemeinsam zu dem Grab ihrer kleinen Tochter gehen, strahlt das glückliche Lächeln des Kindes direkt in unsere Herzen. 

    Ich verstehe mich als Botschafterin dieses Mädchens. Mein Gefühl will, dass wir alle ein wenig mit Kinderaugen durchs Leben gehen und uns das ganze Jahr an den kleinen Dingen erfreuen. Für mich ist es das schönste Geschenk was ich je bekommen habe. Woher immer es auch kam, es gehört nur mir.

    Versuchen Sie es doch auch. Irgendwo ist ein Gefühl, das nur auf sie wartet. Lassen Sie es in ihrem Herzen wohnen. Trauen sie sich ruhig. Warum sollte dann nicht jeder Tag ein bisschen wie Weihnachten für uns alle sein?
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